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Nahrath (Stanz- und Emaillierwerke): Unterschied zwischen den Versionen

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Die '''Firma Stephan Nahrath''' war ein prägendes Unternehmen der [[Emaille-Industrie]] in [[Ahlen]]. Gegründet im Jahr 1907, repräsentiert sie die „zweite Welle“ der Ahlener Industrialisierung, die durch die Nähe zum Ruhrgebiet und den Ausbau der Eisenbahnverbindungen begünstigt wurde.
Die '''Firma Stephan Nahrath''' war ein Ahlener Unternehmen der [[Emailleindustrie in Ahlen]]. Das 1907 gegründete Werk an der Industriestraße gehörte zur späteren Ausbauphase der Ahlener Emailleindustrie, bestand bis 1991 und wurde besonders durch den weithin sichtbaren '''blauen Topf''' auf dem Dach zu einem stadtbildprägenden Wahrzeichen.
[[Datei:Nahrath.jpg|mini|alternativtext=Ansicht der Firma von der Dolberger STraße]]


== Geschichte ==
== Geschichte ==


=== Gründung und Konkurrenzkampf (1907–1914) ===
=== Gründung und Konkurrenzkampf (1907–1914) ===
Stephan Nahrath stammte aus einer alteingesessenen Ahlener Kaufmannsfamilie, die seit 1848 an der Ecke Ost- und Südstraße ein Geschäft für Haushaltswaren betrieb.<ref name="Ahlen93">Ahlen 1870-1914, S. 93.</ref> Im Jahr 1907 entschied er sich, selbst in die Produktion von Emaillegeschirr einzusteigen.<ref name="Emaille18">Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 18.</ref>  
[[Stephan Nahrath]] stammte aus einer Ahlener Kaufmannsfamilie, die seit 1848 an der Ecke Oststraße/Südstraße ein Geschäft für Haushaltswaren betrieb.<ref name="Ahlen93">Wolfgang Muth: ''Ahlen 1870–1914. Die Industrialisierung einer münsterländischen Ackerbürgerstadt'', Ahlen 1989, S. 93.</ref> Im Jahr 1907 gründete er in Ahlen ein eigenes Werk der Emailleindustrie.<ref name="Emaille18">Wolfgang Muth: ''Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877'', S. 18.</ref>


Die Firmengründung stieß bei den bereits etablierten Fabrikanten auf Widerstand. Ein Aktenvermerk im Firmenarchiv belegt, dass Heinrich Mentrup (Firma [[Herding & Mentrup]]) versuchte, Nahrath von der Gründung abzubringen. Er empfahl ihm stattdessen die Übernahme des maroden Werks ''Ehrenberg & Co.'', in der Hoffnung, der neue Konkurrent würde mit diesem wirtschaftlich schwachen Betrieb schnell wieder vom Markt verschwinden.<ref name="Ahlen93" /> Nahrath lehnte dies jedoch ab und baute sein eigenes Werk auf, das bereits im Oktober 1907 eine Belegschaft von '''64 Arbeitern''' aufwies.<ref name="Ahlen93" />
Die Firmengründung stieß bei den bereits etablierten Ahlener Fabrikanten auf Widerstand. Ein Aktenvermerk im Firmenarchiv belegt, dass Heinrich Mentrup von [[Herding & Mentrup]] versuchte, Nahrath von der Gründung abzubringen. Er empfahl ihm stattdessen die Übernahme des wirtschaftlich angeschlagenen Werks ''Ehrenberg & Co.''<ref name="Ahlen93" /> Nahrath lehnte dies ab und baute ein eigenes Werk auf. Im Oktober 1910 beschäftigte die Firma bereits 64 Arbeiter.<ref name="Ahlen93" />


=== Erster Weltkrieg und Rüstungsproduktion ===
=== Erster Weltkrieg und Rüstungsproduktion ===
Mit Beginn des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieges]] 1914 wurde die Produktion auf Kriegswirtschaft umgestellt. Nahrath fertigte vor allem Waffenteile und Ausrüstungsgegenstände an.<ref name="Ahlen93" /> Da Rohstoffe wie Kupfer für zivile Zwecke gesperrt waren, produzierte das Werk zudem Ersatzartikel aus Emaille für den privaten Gebrauch.<ref name="Muth147">Wolfgang Muth: Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt, S. 147.</ref>
Mit Beginn des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] wurde die Produktion auf Kriegswirtschaft umgestellt. Die Firma stellte vor allem Waffenteile und Ausrüstungsgegenstände her.<ref name="Ahlen93" /> Da Rohstoffe wie Kupfer für zivile Zwecke gesperrt waren, entstanden daneben auch Ersatzartikel aus Emaille für den privaten Gebrauch.<ref name="Muth147">Wolfgang Muth: ''Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt'', in: ''Gesichter einer Stadt'', S. 147.</ref>


=== Der „Stahltopf-Streit“ (1920er Jahre) ===
=== Der „Stahltopf-Streit“ in den 1920er Jahren ===
In der Zwischenkriegszeit kam es zu einer langjährigen juristischen Auseinandersetzung mit der Firma Herding & Mentrup. Nahrath hatte einen Topf mit der Behauptung beworben, die Glasur sei „aufgeschweißt“ und halte dadurch länger als herkömmliche Emaille.<ref name="Emaille28">Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 28.</ref>  
In der Zwischenkriegszeit kam es zu einer langjährigen juristischen Auseinandersetzung mit der Firma [[Herding & Mentrup]]. Nahrath hatte einen Topf mit der Aussage beworben, die Glasur sei „aufgeschweißt“ und halte daher länger als herkömmliche Emaille.<ref name="Emaille28">Wolfgang Muth: ''Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877'', S. 28.</ref>
* '''Der Prozess:''' Die Konkurrenz klagte wegen unlauteren Wettbewerbs. Der Rechtsstreit zog sich über Jahre und mehrere Instanzen (Landgericht Münster, Revision am Oberlandesgericht Hamm).
 
* '''Der Ausgang:''' Erst Anfang 1927 einigten sich die Parteien auf einen Vergleich. Gutachten hatten ergeben, dass die Werbeaussage technisch nicht haltbar war. Nahrath sah in der Klage ein weiteres Glied in einer Kette von Versuchen der Konkurrenz, das Werk „kaputt zu machen“.<ref name="Emaille28" />
Die Konkurrenz klagte wegen unlauteren Wettbewerbs. Der Rechtsstreit zog sich über mehrere Instanzen hin. Erst Anfang 1927 kam es zu einem Vergleich. Gutachten hatten ergeben, dass die Werbeaussage technisch nicht haltbar war. Nahrath sah in der Klage einen weiteren Versuch der Konkurrenz, seinem Werk wirtschaftlich zu schaden.<ref name="Emaille28" />


=== Zweiter Weltkrieg und Zwangsarbeit (1939–1945) ===
=== Zweiter Weltkrieg und Zwangsarbeit (1939–1945) ===
Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieges]] wurde Nahrath erneut zum Rüstungslieferanten der Wehrmacht. Zum Produktionsprogramm gehörten unter anderem Gurtkästen für Maschinengewehre (MG), Spundwände für Flugzeug-Zusatztanks und Teile für Fliegerbomben.<ref name="Emaille25">Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 25.</ref>
Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] wurde die Firma erneut zum Rüstungslieferanten der Wehrmacht. Zum Produktionsprogramm gehörten unter anderem Gurtkästen für Maschinengewehre, Spundwände für Flugzeug-Zusatztanks und Teile für Fliegerbomben.<ref name="Emaille25">Wolfgang Muth: ''Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877'', S. 25.</ref>


Um Zuteilungen für notwendige Maschinen zu erhalten, musste die Firma eidesstattliche Versicherungen über die Unabkömmlichkeit der Geräte für die Heereslieferungen abgeben. Da viele männliche Stammmitarbeiter an der Front waren, wurden zunächst verstärkt Frauen eingestellt. Später setzte die Firma in großem Umfang '''zivile Fremdarbeiter''' (Russen, Polen, Ukrainer, Kroaten, Italiener, Holländer) und '''Kriegsgefangene''' ein. Zur Unterbringung dieser Menschen unterhielt Nahrath ein '''eigenes Lager'''.<ref name="Emaille25" />
Um Zuteilungen für notwendige Maschinen zu erhalten, musste die Firma eidesstattliche Versicherungen über deren Unabkömmlichkeit für die Heereslieferungen abgeben. Da viele männliche Stammarbeiter im Kriegseinsatz waren, wurden zunächst verstärkt Frauen beschäftigt. Später setzte das Unternehmen in größerem Umfang zivile Fremdarbeiter und Kriegsgefangene ein. Zu deren Unterbringung unterhielt die Firma ein eigenes Lager.<ref name="Emaille25" />


=== Nachkriegszeit und Umstellung ===
=== Nachkriegszeit und Umstellung ===
Die Rückkehr zur zivilen Produktion ab 1945 war von massiven Rohstoffengpässen geprägt. Die Blechversorgung war so prekär, dass teilweise alte Bestände von Rüstungsgütern zu Haushaltsgegenständen umgearbeitet wurden.<ref name="Muth148">Wolfgang Muth: Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt, S. 148.</ref> Eine Besserung trat erst 1947 ein, als die Emaille-Industrie in das „Bergarbeiterpunkteprogramm“ einbezogen wurde, was die Zuteilung von Eisenblechen sicherte.<ref name="Emaille25" />
Die Rückkehr zur zivilen Produktion nach 1945 war von erheblichen Rohstoffengpässen geprägt. Teilweise wurden vorhandene Bestände von Rüstungsgütern zu Haushaltsgegenständen umgearbeitet.<ref name="Muth148">Wolfgang Muth: ''Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt'', in: ''Gesichter einer Stadt'', S. 148.</ref> Eine spürbare Verbesserung trat erst 1947 ein, als die Emailleindustrie in das sogenannte Bergarbeiterpunkteprogramm einbezogen wurde und dadurch die Versorgung mit Eisenblechen gesichert werden konnte.<ref name="Emaille25" />


== Betriebskultur und Soziales ==
== Betriebskultur und Soziales ==
Trotz der harten Arbeitsbedingungen (in den Anfangsjahren bis zu 12 Stunden täglich) entwickelte sich eine starke Betriebskultur. In den 1930er Jahren gab es eine eigene '''Betriebssportabteilung'''. Das Angebot umfasste Fußball, Schwimmen, Tischtennis, Kegeln und eine eigene Schachgruppe.<ref name="Emaille41">Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 41.</ref>
Trotz der harten Arbeitsbedingungen entwickelte sich eine ausgeprägte Betriebskultur. In den 1930er Jahren bestand eine eigene Betriebssportabteilung. Das Angebot umfasste unter anderem Fußball, Schwimmen, Tischtennis, Kegeln und Schach.<ref name="Emaille41">Wolfgang Muth: ''Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877'', S. 41.</ref>


== Standortfaktoren ==
== Standort ==
Nahrath profitierte von wesentlichen Standortvorteilen Ahlens:
Die Firma profitierte von mehreren Standortvorteilen in Ahlen. Dazu gehörten vor allem die günstige Bahnanbindung für den Bezug von Kohle und Blechen aus dem Ruhrgebiet sowie die Elektrifizierung der Stadt, die den Einsatz mechanisierter Stanzmaschinen erleichterte.<ref name="Muth147" /><ref name="Muth150">Wolfgang Muth: ''Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt'', in: ''Gesichter einer Stadt'', S. 150.</ref>
# '''Bahnanbindung:''' Die Nähe zum Osttor ermöglichte den schnellen Transport von Kohle und Blechen aus dem Ruhrgebiet.<ref name="Muth147" />
 
# '''Elektrifizierung:''' Durch das 1899 in Betrieb genommene städtische Elektrizitätswerk konnte Nahrath von Beginn an mechanisierte Stanzmaschinen einsetzen, was einen technologischen Vorteil gegenüber älteren Werken bot.<ref name="Muth150">Wolfgang Muth: Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt, S. 150.</ref>
=== Der blaue Topf ===
Ein weithin sichtbares Wahrzeichen des Werkes war der sogenannte '''blaue Topf''' auf dem Dach des Fabrikgebäudes. Er wurde zu einem markanten Erkennungszeichen der Firma und gilt für viele Menschen in Ahlen und im Umland bis heute als das Wahrzeichen der Stadt.<ref>Bernd Döding: ''Der besondere Nahrath-Charme'', in: ''Westfälische Nachrichten'', 7. Juli 2021.</ref>
 
Auch nach dem Ende der Produktion in den frühen 1990er Jahren blieb der blaue Topf das prägende Merkmal des ehemaligen Werksgeländes an der Industriestraße. Im Zusammenhang mit den seit den 2010er Jahren diskutierten und eingeleiteten Umnutzungsplänen wurde seine besondere stadtgeschichtliche und identitätsstiftende Bedeutung erneut hervorgehoben.<ref>Bernd Döding: ''Der besondere Nahrath-Charme'', in: ''Westfälische Nachrichten'', 7. Juli 2021.</ref>
 
=== Nachgeschichte des Geländes ===
Nach dem Ende der Produktion in den frühen 1990er Jahren verfiel das zwischen Bahndamm und Wohngebäuden gelegene Werksgelände zunehmend und galt über Jahre als sogenannter „Lost Place“. Erst nach dem Erwerb durch die Familie Weber kam wieder Bewegung in die Entwicklung des Areals. Dabei blieb vor allem das Gebäude unter dem blauen Topf ein zentraler Bezugspunkt für neue Nutzungsüberlegungen.<ref>''Der besondere Nahrath-Charme'', in: ''Westfälische Nachrichten'', 7. Juli 2021.</ref>


== Quellen ==
== Quellen ==
* ''Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877'', S. 18, 25, 28, 41.
* Wolfgang Muth: ''Ahlen 1870–1914. Die Industrialisierung einer münsterländischen Ackerbürgerstadt''. Ahlen 1989.
* ''Ahlen 1870-1914'', S. 93.
* Wolfgang Muth: ''Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877''.
* ''Gesichter einer Stadt'', S. 143–156, darin: Wolfgang Muth: ''Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt''.
* Wolfgang Muth: ''Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt'', in: ''Gesichter einer Stadt''.


== Weblinks ==
== Weblinks ==
* Archivbestandsbeschreibung Kreisarchiv Warendorf (Bestand N 182: Stephan Nahrath, Stanz- und Emaillierwerk).
* Archivbestandsbeschreibung Kreisarchiv Warendorf (Bestand N 182: Stephan Nahrath, Stanz- und Emaillierwerk)


== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==
<references />
<references />
[[Kategorie:Unternehmen]]
[[Kategorie:Industriegeschichte]]
[[Kategorie:Emailleindustrie]]

Aktuelle Version vom 24. April 2026, 10:16 Uhr

Nahrath (Stanz- und Emaillierwerke)
Anschrift Industriestraße
59229 Ahlen
Branche Emailleindustrie
Gründungsdatum 1907
Auflösungsdatum 1991
Inhaber Stephan Nahrath


Die Firma Stephan Nahrath war ein Ahlener Unternehmen der Emailleindustrie in Ahlen. Das 1907 gegründete Werk an der Industriestraße gehörte zur späteren Ausbauphase der Ahlener Emailleindustrie, bestand bis 1991 und wurde besonders durch den weithin sichtbaren blauen Topf auf dem Dach zu einem stadtbildprägenden Wahrzeichen.

Ansicht der Firma von der Dolberger STraße

Geschichte

Gründung und Konkurrenzkampf (1907–1914)

Stephan Nahrath stammte aus einer Ahlener Kaufmannsfamilie, die seit 1848 an der Ecke Oststraße/Südstraße ein Geschäft für Haushaltswaren betrieb.[1] Im Jahr 1907 gründete er in Ahlen ein eigenes Werk der Emailleindustrie.[2]

Die Firmengründung stieß bei den bereits etablierten Ahlener Fabrikanten auf Widerstand. Ein Aktenvermerk im Firmenarchiv belegt, dass Heinrich Mentrup von Herding & Mentrup versuchte, Nahrath von der Gründung abzubringen. Er empfahl ihm stattdessen die Übernahme des wirtschaftlich angeschlagenen Werks Ehrenberg & Co.[1] Nahrath lehnte dies ab und baute ein eigenes Werk auf. Im Oktober 1910 beschäftigte die Firma bereits 64 Arbeiter.[1]

Erster Weltkrieg und Rüstungsproduktion

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die Produktion auf Kriegswirtschaft umgestellt. Die Firma stellte vor allem Waffenteile und Ausrüstungsgegenstände her.[1] Da Rohstoffe wie Kupfer für zivile Zwecke gesperrt waren, entstanden daneben auch Ersatzartikel aus Emaille für den privaten Gebrauch.[3]

Der „Stahltopf-Streit“ in den 1920er Jahren

In der Zwischenkriegszeit kam es zu einer langjährigen juristischen Auseinandersetzung mit der Firma Herding & Mentrup. Nahrath hatte einen Topf mit der Aussage beworben, die Glasur sei „aufgeschweißt“ und halte daher länger als herkömmliche Emaille.[4]

Die Konkurrenz klagte wegen unlauteren Wettbewerbs. Der Rechtsstreit zog sich über mehrere Instanzen hin. Erst Anfang 1927 kam es zu einem Vergleich. Gutachten hatten ergeben, dass die Werbeaussage technisch nicht haltbar war. Nahrath sah in der Klage einen weiteren Versuch der Konkurrenz, seinem Werk wirtschaftlich zu schaden.[4]

Zweiter Weltkrieg und Zwangsarbeit (1939–1945)

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Firma erneut zum Rüstungslieferanten der Wehrmacht. Zum Produktionsprogramm gehörten unter anderem Gurtkästen für Maschinengewehre, Spundwände für Flugzeug-Zusatztanks und Teile für Fliegerbomben.[5]

Um Zuteilungen für notwendige Maschinen zu erhalten, musste die Firma eidesstattliche Versicherungen über deren Unabkömmlichkeit für die Heereslieferungen abgeben. Da viele männliche Stammarbeiter im Kriegseinsatz waren, wurden zunächst verstärkt Frauen beschäftigt. Später setzte das Unternehmen in größerem Umfang zivile Fremdarbeiter und Kriegsgefangene ein. Zu deren Unterbringung unterhielt die Firma ein eigenes Lager.[5]

Nachkriegszeit und Umstellung

Die Rückkehr zur zivilen Produktion nach 1945 war von erheblichen Rohstoffengpässen geprägt. Teilweise wurden vorhandene Bestände von Rüstungsgütern zu Haushaltsgegenständen umgearbeitet.[6] Eine spürbare Verbesserung trat erst 1947 ein, als die Emailleindustrie in das sogenannte Bergarbeiterpunkteprogramm einbezogen wurde und dadurch die Versorgung mit Eisenblechen gesichert werden konnte.[5]

Betriebskultur und Soziales

Trotz der harten Arbeitsbedingungen entwickelte sich eine ausgeprägte Betriebskultur. In den 1930er Jahren bestand eine eigene Betriebssportabteilung. Das Angebot umfasste unter anderem Fußball, Schwimmen, Tischtennis, Kegeln und Schach.[7]

Standort

Die Firma profitierte von mehreren Standortvorteilen in Ahlen. Dazu gehörten vor allem die günstige Bahnanbindung für den Bezug von Kohle und Blechen aus dem Ruhrgebiet sowie die Elektrifizierung der Stadt, die den Einsatz mechanisierter Stanzmaschinen erleichterte.[3][8]

Der blaue Topf

Ein weithin sichtbares Wahrzeichen des Werkes war der sogenannte blaue Topf auf dem Dach des Fabrikgebäudes. Er wurde zu einem markanten Erkennungszeichen der Firma und gilt für viele Menschen in Ahlen und im Umland bis heute als das Wahrzeichen der Stadt.[9]

Auch nach dem Ende der Produktion in den frühen 1990er Jahren blieb der blaue Topf das prägende Merkmal des ehemaligen Werksgeländes an der Industriestraße. Im Zusammenhang mit den seit den 2010er Jahren diskutierten und eingeleiteten Umnutzungsplänen wurde seine besondere stadtgeschichtliche und identitätsstiftende Bedeutung erneut hervorgehoben.[10]

Nachgeschichte des Geländes

Nach dem Ende der Produktion in den frühen 1990er Jahren verfiel das zwischen Bahndamm und Wohngebäuden gelegene Werksgelände zunehmend und galt über Jahre als sogenannter „Lost Place“. Erst nach dem Erwerb durch die Familie Weber kam wieder Bewegung in die Entwicklung des Areals. Dabei blieb vor allem das Gebäude unter dem blauen Topf ein zentraler Bezugspunkt für neue Nutzungsüberlegungen.[11]

Quellen

  • Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914. Die Industrialisierung einer münsterländischen Ackerbürgerstadt. Ahlen 1989.
  • Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877.
  • Wolfgang Muth: Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt, in: Gesichter einer Stadt.
  • Archivbestandsbeschreibung Kreisarchiv Warendorf (Bestand N 182: Stephan Nahrath, Stanz- und Emaillierwerk)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914. Die Industrialisierung einer münsterländischen Ackerbürgerstadt, Ahlen 1989, S. 93.
  2. Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 18.
  3. 3,0 3,1 Wolfgang Muth: Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt, in: Gesichter einer Stadt, S. 147.
  4. 4,0 4,1 Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 28.
  5. 5,0 5,1 5,2 Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 25.
  6. Wolfgang Muth: Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt, in: Gesichter einer Stadt, S. 148.
  7. Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 41.
  8. Wolfgang Muth: Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt, in: Gesichter einer Stadt, S. 150.
  9. Bernd Döding: Der besondere Nahrath-Charme, in: Westfälische Nachrichten, 7. Juli 2021.
  10. Bernd Döding: Der besondere Nahrath-Charme, in: Westfälische Nachrichten, 7. Juli 2021.
  11. Der besondere Nahrath-Charme, in: Westfälische Nachrichten, 7. Juli 2021.