J. u. H. Kerkmann

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J. u. H. Kerkmann
Anschrift Beckumer Straße
Ahlen
Branche Emailleindustrie
Gründungsdatum 1. April 1863
Auflösungsdatum 1935
Auflösungsgrund Liquidation
Inhaber Familie Kerkmann


J. u. H. Kerkmann war ein 1863 in Ahlen gegründetes Unternehmen der Emailleindustrie in Ahlen. Die Firma ging auf die Brüder Johannes Kerkmann und Heinrich Kerkmann zurück und entwickelte sich zu den später sogenannten Kerkmann-Werken. Ab 1898 firmierte das Unternehmen als Westfälische Stanz- und Emaillierwerke, vormals J. u. H. Kerkmann. Aus dem Umfeld der Firma gingen zudem zahlreiche Gründer anderer Ahlener Emaillebetriebe hervor, die zuvor als Meister, Vorarbeiter oder kaufmännische Angestellte bei Kerkmann tätig gewesen waren[1]

Gründung und erste Jahre

Gegründet wurde das Unternehmen von den Brüdern Johannes Kerkmann und Heinrich Kerkmann. Johannes Kerkmann hatte zuvor bei Wilhelm Brock eine Klempnerlehre absolviert. Während seiner Wanderschaft arbeitete er unter anderem in Remscheid in einem Betrieb, der bereits Versuche mit dem Emaillieren von Blechgeschirren durchführte. Heinrich Kerkmann hatte vor der Firmengründung eine kaufmännische Lehre absolviert.[2][3]

Am 1. April 1863 eröffneten die Brüder in Ahlen einen eigenen Betrieb zur Herstellung verzinnter Kochgeschirre. Nach den Erinnerungen von Johannes Kerkmann lag das Startkapital bei etwa 1500 Mark. Anfangs beschäftigte die Firma nur einen Arbeiter.[4]

Nach einem Brand im Jahr 1865 wurde der Betrieb auf einem Gelände an der Beckumer Straße neu aufgebaut und in den folgenden Jahren erweitert. Ein weiterer Brandschaden im Jahr 1870 führte erneut zu einem Ausbau der Anlagen.[5]

Einstieg in die Emailleproduktion

In der Mitte der 1870er Jahre begannen die Brüder Kerkmann, mit der Emaillierung von Eisenblechgefäßen zu experimentieren. 1877 kamen die ersten emaillierten Produkte der Firma auf den Markt.[6]

Der Erfolg der neuen Erzeugnisse führte zu einem raschen Wachstum. Die Zahl der Beschäftigten stieg von rund 53 im Jahr 1884 auf etwa 220 im Jahr 1890 und 250 im Jahr 1894.[7] 1887 traten die Söhne von Johannes Kerkmann in die Firma ein. Kurz darauf schied Mitgründer Heinrich Kerkmann im Streit aus dem Unternehmen aus und machte sich später mit einer eigenen Fabrik selbständig.[8]

Im Dezember 1888 sorgte die vollständige elektrische Beleuchtung der Werksräume für Aufsehen. 1889 wurde die maschinelle Ausstattung verbessert, wodurch sich die Produktionsleistung erhöhte. Im selben Jahr kam es erneut zu einem Brand, der jedoch vergleichsweise glimpflich verlief.[9]

Aktiengesellschaft und Expansion

1896 erhielt die Firma ein eigenes Anschlußgleis an die Staatsbahn. Dadurch wurden Rohstoffbezug und Versand der Fertigwaren erleichtert.[10]

1898 wurde das Unternehmen unter dem Namen Westfälische Stanz- und Emaillierwerke, vormals J. u. H. Kerkmann in eine Aktiengesellschaft mit einem Stammkapital von 1.350.000 Mark umgewandelt. Der Hauptanteil der Aktien blieb in Familienbesitz.[11]

Nach der Jahrhundertwende expandierte die Firma weiter. Im September 1900 wurde die Hammer Herdfabrik Stemmer übernommen. 1902 pachtete das Unternehmen die Westfälischen Emaillierwerke GmbH in Drensteinfurt, deren Betrieb jedoch bereits 1904 wieder eingestellt wurde.[12]

Produkte

Besondere Bekanntheit erlangten die Kerkmann-Werke mit der ab 1901 vertriebenen Felsenemaille. Dabei handelte es sich um besonders haltbare emaillierte Geschirre mit säurebeständiger Deckschicht und fest aufgeschmolzener Grundemaille.[13]

Ab 1904 stellte die Firma zudem die nahtlose emaillierte Stahlbadewanne „Adler“ her. Sie galt als technische Neuerung und fand auch im medizinischen Bereich Verwendung.[14]

1907 gründeten die Kerkmann-Werke außerdem die Deutsche Stahlbottich-Gesellschaft mbH, die emaillierte Gärbottiche und Lagerfässer für Brauereien herstellte. Dieses Werk bestand in Ahlen bis Ende 1913 und wurde dann nach Stolberg im Rheinland verlegt.[15]

Bedeutung für Ahlen

Die Kerkmann-Werke waren einer der wichtigsten Motoren der Ahlener Industrialisierung. Sie entwickelten sich von einem kleinen Handwerksbetrieb zu einem Großunternehmen mit mehreren hundert Beschäftigten und prägten die Entwicklung der örtlichen Emailleindustrie maßgeblich. 1913 konnte die Firma ihr 50-jähriges Jubiläum feiern.[16]

Zum 31. Juli 1914 beschäftigte das Werk 329 Arbeiter, zum 30. September 1914 infolge des Kriegsbeginns nur noch 83. Danach stellte die Firma ihre Produktion auf Heeresbedarf um und fertigte unter anderem Stahlhelme, Bomben sowie große Kochkessel für Feldküchen und Lazarette.[17]

Weltwirtschaftskrise und Ende

Von der Weltwirtschaftskrise ab 1929 wurden auch die Westfälischen Stanz- und Emaillierwerke schwer getroffen. Der Absatz wurde immer schwieriger, die Konkurrenz nahm zu und der Erlös sank. Am 15. September 1931 wurde das Werk geschlossen und Vergleich angemeldet; 447 Arbeiter wurden entlassen.[18]

Nach etwa 14 Tagen wurde die Produktion wieder aufgenommen, jedoch zunächst nur mit etwa 200 Arbeitskräften. 1932 musste Konkurs angemeldet werden. Als Auffanggesellschaft wurde die Kerkmann-Werke GmbH gegründet, die Werk, Inventar und Lagerbestände der unter Zwangsverwaltung stehenden Aktiengesellschaft pachtete. Sie sollte die Produktion fortführen und vor allem die vorhandenen Lagerbestände absetzen.[19]

1935 wurden schließlich sowohl die Aktiengesellschaft als auch die GmbH liquidiert. Die verbliebenen Arbeiter wurden entlassen. Da zur Auszahlung der letzten Löhne nicht mehr genügend Geld vorhanden war, erhielten Arbeiter teilweise Töpfe aus Lagerbeständen als Entlohnung.[20]

Firmennamen

  • ab 1863: J. u. H. Kerkmann
  • ab 1898: Westfälische Stanz- und Emaillierwerke, vormals J. u. H. Kerkmann
  • gebräuchliche Bezeichnung: Kerkmann-Werke

Arbeiterzahlen

Jahr Beschäftigte
1884 53
1885 75
1886 78
1888 ca. 130
1889 ca. 200
1890 ca. 220
1894 ca. 250
1898 240
1903 373
1905 450
1906 489
1908 502
1909 530
1910 500
1911 441
1912 481
1913 362
31. Juli 1914 329
30. September 1914 83

[21]

Siehe auch

Quellen und Verweise

  1. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914. Die Industrialisierung einer münsterländischen Ackerbürgerstadt. Ahlen 1989, S. 83.
  2. Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 7.
  3. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 79–80.
  4. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 80.
  5. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 80.
  6. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 78, 80.
  7. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 81.
  8. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 81.
  9. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 81.
  10. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 83.
  11. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 83.
  12. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 83.
  13. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 99.
  14. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 99.
  15. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 93.
  16. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 81–83.
  17. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 81, 83.
  18. Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 12–13.
  19. Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 13.
  20. Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 13.
  21. Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914, S. 81.