Schuhfabrik Tovar
| Schuhfabrik Tovar | |
|---|---|
| Anschrift | Königstraße 7/9 4730 Ahlen |
| Branche | Schuhfabrik |
| Gründungsdatum | 1884 |
| Auflösungsdatum | 1976 |
| Auflösungsgrund | Wirtschaftlichkeit |
| Inhaber | Johannes Tovar; später August Tovar; Engelbert Kötter-Tovar |
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Die Schuhfabrik Tovar war eine der bedeutendsten Schuhfabriken in Ahlen. Das Unternehmen ging aus einer 1884 gegründeten Lohgerberei an der Königstraße hervor und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Betriebe der Ahlener Schuhindustrie. Produziert wurden zunächst vor allem Arbeits- und Bergarbeiterschuhe, später auch Straßen-, Damen-, Herren- und Spezialschuhe.
Die Firma bestand bis 1976 und war damit die älteste Ahlener Schuhfabrik. In ihrer Blütezeit beschäftigte sie mehr als 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und produzierte bis zu 2000 Paar Schuhe täglich.[1]
Historie
Ursprünge als Lohgerberei
Die Ursprünge der späteren Schuhfabrik Tovar liegen in einer Lohgerberei, die Johannes Tovar 1884 an der Königstraße gründete. Dort stellte er zunächst Rind- und Kalbsleder her. Die Lederherstellung hatte in Ahlen eine lange Tradition, da Wasser durch die Werse und Häute aus der landwirtschaftlich geprägten Umgebung vorhanden waren.[1]
Um 1890 begann Johannes Tovar, das selbst hergestellte Leder zu Arbeitsschuhen und Stiefeln weiterzuverarbeiten. Der Betrieb beschäftigte zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Personen. Da die klassische Gerberei gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch industrielle Großbetriebe zunehmend unter Druck geriet, stellte Tovar seinen Betrieb nach und nach auf die Schuhproduktion um.[1]
1895 wurde die Lederherstellung weitgehend aufgegeben. Um die Jahrhundertwende firmierte das Unternehmen schließlich als Mechanische Schuhfabrik Johannes Tovar.[1]
Ausbau zur Schuhfabrik
1899 entstand ein erweiterter Neubau der Schuhfabrik. Nach Angaben der Quelle war der Betrieb 1901 bereits „voll mechanisiert“. Produziert wurden vor allem robuste Schuhe für Arbeiter, insbesondere Bergarbeiterschuhe. 1906 folgte eine weitere Vergrößerung der Fabrik an der Königstraße.[1]
Die Entwicklung Tovars steht beispielhaft für den Übergang vom Handwerk zur Industrie in Ahlen: Aus einer handwerklichen Lohgerberei entstand ein mechanisierter Fabrikbetrieb, der seine Waren nicht nur lokal, sondern auch in umliegende Industrieregionen lieferte.
Erster Weltkrieg
Während des Ersten Weltkriegs stellte Tovar seine Produktion auf Heeresbedarf um. Gefertigt wurden unter anderem Militärschuhe und Stiefel. Heinrich Tovar, ein Sohn des Firmengründers Johannes Tovar, fiel bereits 1914 als erstes Ahlener Opfer des Krieges.[1]
1918 trat August Tovar, Sohn des Firmengründers, als Gesellschafter in das Unternehmen ein. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte der Betrieb 23 Arbeitskräfte.[1]
Zwischenkriegszeit
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg profitierte die Schuhfabrik zunächst von der großen Nachfrage nach Schuhen. 1922 stellte Tovar täglich rund 200 Paar Schuhe her. 1923 wurde die Fabrik baulich erweitert.[1]
Die wirtschaftliche Krise der 1920er Jahre traf jedoch auch die Ahlener Schuhindustrie. 1924 musste Tovar 21 der insgesamt 45 Beschäftigten entlassen. Um bessere Absatzmöglichkeiten zu schaffen, wurde die Produktion um Herren-Straßenschuhe erweitert.[1]
Während der Weltwirtschaftskrise verschlechterte sich die Lage erneut. Ende 1931 musste die Produktion für zwei Monate eingestellt werden. Zwischen 1929 und 1932 sank die Belegschaft deutlich.[1]
Zeit des Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Ab 1933 erhielt die Schuhfabrik Tovar staatliche Aufträge zur Ausstattung des Freiwilligen Arbeitsdienstes und der Wehrmacht. Produziert wurden unter anderem Arbeitsschuhe und sogenannte „Knobelbecher“. Dadurch erholte sich das Unternehmen wirtschaftlich. Die Zahl der Beschäftigten stieg von 32 im Jahr 1933 auf 125 im Jahr 1939.[1]
1938 lag die Tagesproduktion bei etwa 600 Paar Schuhen. Pläne für einen Fabrikneubau an der Bergstraße wurden durch den Beginn des Zweiten Weltkriegs zunichtegemacht. Stattdessen wurde an der Königstraße ein provisorischer Fabrikraum angebaut. Während des Krieges produzierte Tovar fast ausschließlich für das Heer.[1]
Zwischen 1940 und 1945 fertigte der Betrieb mit etwa 120 Beschäftigten täglich bis zu 500 Paar Militär- und Berufsschuhe. 1941 starb Firmengründer Johannes Tovar.[1]
Nachkriegszeit
Nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen nahm die Schuhfabrik Tovar bereits im Juni 1945 mit etwa 50 Beschäftigten die Produktion wieder auf. Hergestellt wurden zunächst vor allem Arbeitsschuhe für Bergarbeiter, die Landespolizei und die britische Rheinarmee.[1]
1946 wurden ein Fachwerkhaus abgerissen und ein dreistöckiges Fabrikgebäude sowie ein Lagerhaus errichtet. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen 129 Personen. 1948 folgte ein weiterer Anbau mit Sheddach. Im selben Jahr wurde Engelbert Kötter-Tovar Geschäftsführer des Unternehmens.[1]
Nach der Währungsreform 1948 stellte sich die westdeutsche Schuhindustrie auf neue Marktbedingungen ein. Tovar erweiterte und modernisierte die Produktion. 1949 lag die Tagesproduktion bei rund 1000 Paar Schuhen; die Belegschaft umfasste 215 Arbeitskräfte.[1]
Wachstum in den 1950er und 1960er Jahren
1954 erhielt das Fabrikgebäude ein zusätzliches Stockwerk. Nach dem Kauf eines Nachbargrundstücks wurde auch die Fabrikhalle erweitert. Der Betrieb wurde mit Transportbändern ausgestattet und beschäftigte rund 250 Personen.[1]
1956 produzierte Tovar täglich etwa 1200 Paar Schuhe. Ab 1958 kamen Oberlederstanzen zum Einsatz. In den 1960er Jahren wurde die Fertigung weiter mechanisiert. 1962 hatte das Unternehmen 318 Beschäftigte. 1969 wurden täglich etwa 2000 Paar Schuhe hergestellt.[1]
Tovar produzierte in dieser Zeit ein breites Sortiment. Neben Damen- und Herrenschuhen wurden auch Spezialschuhe gefertigt. Die Firma stellte unter anderem für bekannte Marken und Unternehmen her und war innerhalb der Branche für die Bereitschaft bekannt, auch kleinere Serien und besondere Macharten zu übernehmen.[1]
Xylee-Produktion und Niedergang
Um den steigenden Kosten und dem Arbeitskräftemangel zu begegnen, setzte Tovar Anfang der 1970er Jahre auf das synthetische Schaftobermaterial Xylee. 1970 wurde in einem neuen Zweigwerk an der Warendorfer Straße die Produktion von Xylee-Schuhen aufgenommen.[1]
Die Hoffnungen erfüllten sich jedoch nicht. Die Schuhe hatten schlechte Trageeigenschaften und wurden kein geschäftlicher Erfolg. 1973 wurde das Werk an der Warendorfer Straße wieder geschlossen.[1]
In den folgenden Jahren geriet Tovar zunehmend unter Druck durch ausländische Konkurrenz und billigere Schuhproduktion in Niedriglohnländern. Die Belegschaft sank bis Ende 1975 auf 82 Personen.[1]
Am 1. Februar 1976 wurde die Schuhfabrik Tovar geschlossen.[1]
Bedeutung
Die Schuhfabrik Tovar gehörte über Jahrzehnte zu den prägenden Industriebetrieben Ahlens. Sie steht beispielhaft für die Entwicklung der Ahlener Schuhindustrie vom handwerklichen Ursprung über die Mechanisierung und Kriegsproduktion bis hin zum Niedergang der deutschen Schuhherstellung in den 1970er Jahren.
Besonders bedeutend war Tovar als Arbeitgeber. In den 1960er Jahren beschäftigte der Betrieb mehr als 300 Menschen. Damit gehörte die Firma neben der Schuhfabrik Steinhoff zu den größten Unternehmen der Ahlener Schuhbranche.[1]
Beschäftigte
| Jahr | Beschäftigte |
|---|---|
| 1884 | 1 |
| 1890 | 10 |
| 1918 | 23 |
| 1923/24 | 45 |
| 1925 | 75 |
| 1933 | 32 |
| 1939 | 125 |
| 1945 | 50 bis 120 |
| 1946 | 129 |
| 1948 | 152 bis 163 |
| 1949 | 215 |
| 1954 | 270 |
| 1962 | 318 |
| 1967 | 330 |
| 1975 | 82 |
| 1976 | Schließung |
Produktion
| Jahr | Tagesproduktion |
|---|---|
| 1922 | ca. 200 Paar Schuhe |
| 1925 | ca. 310 Paar Schuhe |
| 1935/38 | ca. 600 Paar Schuhe |
| 1939/40 | ca. 600 Paar Schuhe |
| 1949 | ca. 1000 Paar Schuhe |
| 1952 | ca. 1000 Paar Schuhe |
| 1954 | ca. 1000 Paar Schuhe |
| 1956 | ca. 1200 Paar Schuhe |
| 1967 | ca. 2000 Paar Schuhe |
| 1969 | ca. 2000 Paar Schuhe |
| Mitte der 1970er Jahre | ca. 2500 Paar Schuhe |
Standort
Der Hauptstandort der Schuhfabrik Tovar befand sich an der Königstraße 7/9 in Ahlen. In den 1970er Jahren bestand zusätzlich ein Zweigwerk an der Warendorfer Straße, in dem Schuhe aus dem synthetischen Material Xylee hergestellt wurden.[1]