Eisenbahn
Eisenbahn

Die Eisenbahn prägte die Entwicklung der Stadt Ahlen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts maßgeblich. Mit dem Anschluss an die Cöln-Mindener Eisenbahn (später Köln-Mindener Eisenbahn) erhielt Ahlen Zugang zu einem der wichtigsten Verkehrswege seiner Zeit – mit direkten Folgen für Handel, Gewerbe und die spätere Industrialisierung.
Im Stadtgebiet wirkte die Bahn nicht nur als Transportmittel, sondern auch als Motor für städtebauliche Veränderungen (Bahnhofslagen, Unterführungen, Dammlage, Güteranlagen) sowie als sozialer Faktor (Zuzug von Arbeitskräften während der Bauphasen, Konflikte im Alltag).
Anfänge und Anschluss an die Köln-Mindener Eisenbahn (bis 1847)
In den 1840er Jahren wurde die Bahnstrecke von Köln/Deutz über das Ruhrgebiet nach Minden geplant und gebaut. Um die genaue Linienführung zwischen Hamm und Bielefeld gab es lange Debatten (u. a. Varianten über Soest/Lippstadt oder über Ahlen/Oelde/Rheda).
Am 9. März 1845 legte der preußische König die Trasse für den Abschnitt zwischen Dortmund/Hamm und Bielefeld endgültig fest: Hamm – Ahlen – Oelde – Rheda – Bielefeld. In Ahlen wurde die Entscheidung mit großer Zustimmung aufgenommen.
- 15. Mai 1847 – Eröffnung der Teilstrecke Köln/Deutz – Hamm
- 15. Oktober 1847 – Eröffnung der Weiterführung Hamm – Bielefeld – Minden (durchgehende Befahrbarkeit)
Mit dieser Freigabe war Ahlen an das wachsende Eisenbahnnetz angeschlossen – ein wesentlicher Standortvorteil für den Rohstoff- und Warenverkehr.
Trasse und Bahnhof in Ahlen: Verlegung, Streit und Kompromiss (1844–1852)
Die frühen Planungen sahen vor, die Strecke nordwestlich um Ahlen herumzuführen. Der Bahnhof sollte nahe dem Westtor (Wienkamp) entstehen. Auf dieser Basis verpflichtete sich die Stadt, das Bahnhofsareal unentgeltlich bereitzustellen.
Sehr schnell änderte die Eisenbahngesellschaft jedoch die Vermessung und plante eine Trasse südlich der Stadt – mit Bahnhofslage eher in Richtung Osttor/Südtor. Dies führte zu erheblichen Konflikten zwischen Stadtverwaltung, Landrat und Eisenbahndirektion:
- Die Stadt befürchtete Verkehrs- und Einnahmeverluste (u. a. Wegfall von Wegezoll), wenn der Zufahrtsverkehr „um die Stadt herum“ gelenkt würde.
- Der Landrat widersprach der Behauptung, die Straße nach Beckum sei „chaussiert“ und damit die beste Zufahrt; er sah die Hauptzufuhr vielmehr aus Richtung Warendorf/Südtor.
- Das Finanzministerium folgte überwiegend der Eisenbahngesellschaft, verpflichtete diese aber, zusätzlich einen fahrbaren Weg vom Südtor her anzulegen (Unterhaltung durch die Stadt).
Ein zweiter Streitpunkt betraf die Kosten für den Grunderwerb: Die Gesellschaft hatte Flächen in größerem Umfang angekauft und verlangte die Erstattung, während die Stadt die veränderte Planung als Bruch der ursprünglichen Grundlage ansah.
Vergleich 1852
Erst Ende 1852 wurde ein Vergleich geschlossen:
- Die Stadt erhielt eine Entschädigung (im Ergebnis rund 1000 Taler inkl. Verzinsung),
- die Stadt verzichtete auf den zusätzlichen Weg vom Südtor,
- die Eisenbahngesellschaft verzichtete auf die Erstattung der Grunderwerbskosten für die Bahnhofsanlage.
Industrialisierung und wirtschaftlicher Aufschwung
Der Bahnanschluss war eine zentrale Voraussetzung für die Industrialisierung Ahlens: Rohstoffe konnten schneller und preisgünstiger beschafft, Fertigwaren effizienter in Absatzmärkte transportiert werden. Besonders die Anbindung an das Ruhrgebiet wirkte als Wachstumstreiber.
Ein Rückschlag traf die Region im späten 19. Jahrhundert durch den Niedergang einzelner Branchen (z. B. Strontianit). Ein erneuter Aufschwung folgte u. a. durch die Entwicklung der Emailleindustrie sowie den Kohlebergbau (u. a. Zeche Westfalen), der den Wagenladungsverkehr deutlich steigerte.
Ausbau der Strecke, Bahnhofsverlegungen und viergleisiger Ausbau (1908–1916)
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt die Köln–Minden-Verbindung als überlastet. Bereits 1908 wurde öffentlich ein Ausbau mit dritten und vierten Gleisen diskutiert.
Planung 1911: Verlegung von Personen- und Güteranlagen
Im September 1911 legte die zuständige Eisenbahndirektion ein Projekt vor. Kernelemente:
- Der bestehende Güterbahnhof am Osttor war durch Fabriken eingeengt und nicht mehr sinnvoll erweiterbar.
- Der Personenbahnhof sollte stadtwärts versetzt bzw. neu angeordnet werden.
- Der Güterbahnhof sollte nordöstlich Richtung Vorhelm großzügig neu entstehen.
- Die Bahn sollte im Rahmen des Ausbaus auf einem Damm höher gelegt werden.
- Übergänge (u. a. Oststraße / Lütkeweg) sollten durch Unterführungen ersetzt werden.
Diese Pläne lösten in Ahlen Proteste aus (Einwendungen von Bürgern, Hoteliers und Firmen; Befürchtungen zu Zufahrten, Grundstückswerten, Werksanschlüssen und Kosten).
Bauphase und Inbetriebnahme 1916
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen im Ersten Weltkrieg wurden die Arbeiten fortgeführt. Im März 1916 konnten die neuen Anlagen in Betrieb gehen; der Umbau veränderte den Bahnhofsraum und die Verkehrsführung in der Stadt nachhaltig.
Konflikte auf der Baustelle (1913–1914)
Für die Erdarbeiten wurden große Kolonnen eingesetzt, darunter auch Ausländer (u. a. Italiener, Kroaten, Russen). Es kam wiederholt zu Lohnstreitigkeiten, Verzögerungen bei Auszahlungen und Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern, Schachtmeistern, Firma, Lieferanten und Polizei. Auch die Unterbringung der Arbeiter war teils Anlass behördlicher Maßnahmen (Schließung überfüllter Unterkünfte).
Eisenbahnarbeiter in Ahlen: Arbeitswelt und Stadtalltag (1845–1849)
Der Bau der Trasse brachte zahlreiche auswärtige Arbeitskräfte nach Ahlen, insbesondere aus Westfalen (u. a. Ravensberger und Tecklenburger Land). Viele waren nichterbende Bauernsöhne, Köttersöhne oder Tagelöhner; im Ravensberger Land verschärfte zudem die Krise der heimindustriellen Leinenfertigung die Lage.
Die Arbeit auf der Trasse war körperlich extrem belastend:
- lange Schichten (im Sommer oft 14–16 Stunden),
- schwere Erdarbeiten (Schubkarrenlasten von mehreren Zentnern),
- Akkorddruck und unsichere Lohnrealität.
Schachtmeister standen zwischen Ingenieur und Arbeitern; neben Organisation und Kontrolle spielten Abzüge, „Probezeiten“ und Nebenverdienste (z. B. überteuerte Verpflegung) in zeitgenössischen Berichten eine Rolle. Die Unterkünfte waren häufig einfach, eng und teuer, wodurch vom Tageslohn wenig blieb.
Spannungen in der katholischen Ackerbürgerstadt
Mit den Baukolonnen kamen neue Lebensweisen in die Stadt. Zeitgenössisch wurden Trunksucht, Streit und „Unruhe“ beklagt. Besonders die Geistlichkeit reagierte kritisch – unter anderem wegen (tatsächlicher oder befürchteter) Sonntagsarbeit und des Einflusses auf den Kirchenbesuch. Aus der Zeit 1847/48 sind Proteste, Beschwerden und einzelne polizeiliche Maßnahmen überliefert.
Bahn der Zukunft: Versuchsstrecke Gütersloh–Neubeckum
In der Region wurde seit den 1960er Jahren auf der Versuchsstrecke Gütersloh–Neubeckum an Hochgeschwindigkeitskonzepten gearbeitet. Dort fanden Tests zu Fahrdynamik, Wagenbau und Geschwindigkeiten statt. Auch der Intercity Experimental (Vorläufer des ICE) nutzte die Strecke für Schnellfahrten.
Modernisierung nach 1945
- 1966/67 – Elektrifizierung des Streckenabschnitts Hamm–Bielefeld im Zuge der Modernisierung der Hauptachsen.
- 1970er Jahre – Inbetriebnahme eines Drucktasten-/Spurplanstellwerks (Ersetzung älterer Stellwerksstrukturen).
- Ab den 2000er Jahren – Veränderungen bei Service, Güterverkehr und Nutzung einzelner Flächen (z. B. Umnutzung ehemaliger Güterareale).
Zeitstrahl
| Jahr/Datum | Ereignis | Bedeutung für Ahlen |
|---|---|---|
| 09.03.1845 | Festlegung der Trasse Hamm–Bielefeld über Ahlen | Politischer Durchbruch für den Bahnanschluss |
| 1844–1847 | Trassen- und Bahnhofsstreit (Südtor/Osttor) | Konflikt Stadt – Eisenbahndirektion; Infrastrukturentscheidungen |
| 15.10.1847 | Durchgehende Eröffnung Hamm–Minden | Ahlen wird Bahnstation im Fernnetz |
| Ende 1852 | Vergleich zur Bahnhofsfrage | Finanzielle Einigung; Verzicht auf Südtor-Zufahrtsweg |
| 1907 | Umbenennung „Ahlen i. Westf“ | Verwaltungs-/Bedeutungswandel |
| 01.07.1911 | Name „Ahlen (Westf)“ | heutige Namensform |
| 1911–1916 | Viergleisiger Ausbau / Damm- und Unterführungsmaßnahmen | Große Stadt- und Bahnhofsumbauten |
| März 1916 | Inbetriebnahme neuer Anlagen | Neue Bahnhofslagen, Güteranlagen weiter außerhalb |
| 1966/67 | Elektrifizierung Hamm–Bielefeld | Modernisierung, Leistungssteigerung |
| 1974 | Neues Spurplanstellwerk ersetzt alte Stellwerke | Zentralisierung der Betriebssteuerung |
| 01.08.2001 | Schließung Güterverkehrsstelle Bergwerk Westfalen | Einschnitt für den Güterverkehr |
| 01.11.2006 | Schließung Fahrkartenausgabe (Umstellung) | Veränderung Serviceangebot |
| 31.07.2014 | Schließung Güterbahnhof | Rückbau/Umnutzung |
| 01.07.2019 | Wiedereröffnung Güterbahnhof | Reaktivierung Güterverkehr (Gewerbegebiet-Anbindung) |
Besonderheiten
Überwerfungsbauwerk
Das Überwerfungsbauwerk am Morgenbruch ermöglicht betriebliche Kreuzungsfreiheit, indem eine Strecke unter einer anderen geführt wird (Trennung von Güter- und Personenverkehrsströmen).
Stellwerke
Im Ahlener Stadtgebiet gab es mehrere Stellwerke:
Richterbach (Bk)
Dieses Stellwerk befand sich bei Kilometer 167,7. Es wurde am 8. Dezember 1974 stillgelegt und später abgerissen.
Werse (Apw)
Lag bei Kilometer 165,55 am Schnittpunkt mit der Werse auf der westlichen Seite. Es wurde am 8. Dezember 1974 stillgelegt und inzwischen abgerissen.
Bahnhof (Aa)
Ein ADr S-Stellwerk, das sich bei Kilometer 165 befand. Es wurde mittlerweile abgerissen.
Oststraße (Apf)
Das Stellwerk an der Oststraße in Ahlen wurde in den Jahren 1915/1916 errichtet. Es befand sich nahe der Bahnunterführung an der Oststraße und diente der Kontrolle von Personen- und Güterzügen. Nach rund 60 Jahren wurde es jedoch mit der Inbetriebnahme eines neuen Stellwerks am Ostberg überflüssig und am 8. Dezember 1974 stillgelegt. Vor dem Abriss wurde das Gebäude gründlich entkernt. Signalmeister aus Oberhausen demontierten die mechanischen Signal- und Weichenanlagen, die auf Nebenstrecken weiterverwendet werden sollten. Trotz der umfassenden Demontage zeigte das Stellwerk am Ende einen trostlosen Anblick, bis schließlich der Abbruch erfolgte. Auf Straßenebene befand sich im Gebäude ein Friseursalon.
Ostberg (Agf / Agw)
Die Stellwerke Agf und Agw lagen beide bei Kilometer 164 auf der östlichen Seite. Sie wurden bis 1974 betrieben und später abgerissen, nachdem sie durch das Stellwerk Af ersetzt wurden.
Ostberg (Af)
Das Spurplan-Drucktasten-Stellwerk (SpDrS60) bei Kilometer 163,7 wurde 1974 errichtet und ist bis heute in Betrieb.
Projekte für weitere Bahnlinien
In der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts beteiligte sich Ahlen wiederholt an Initiativen für neue Bahnverbindungen.
- Hamm – Warendorf – Osnabrück (ab späte 1860er): Kommunale Beteiligung an Vorbereitungen; die Strecke wurde letztlich nicht realisiert.
- Hamm/Ahlen – Beckum – Wiedenbrück – Detmold/Hameln (ab 1906): Entlastungsidee für Hauptachsen; scheiterte u. a. an Interessenkonflikten zwischen Gemeinden.
- Haltern – Ahlen (ab 1908/1909): In Zusammenhang mit neuen Kohlenfeldern diskutiert; als Staatsbahn genehmigt, durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen und später endgültig nicht umgesetzt.
Galerie
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Bahnhofsbereich (historisch)
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Alter Bahnhof – von NordOst
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Alter Bahnhof – von SüdWest
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Alter Bahnhof – Nordansicht
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Bahnübergang Oststraße (1)
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Bahnübergang Oststraße (2)
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Bahnhof mit Autos (historisch)
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Stellwerk Ostberg (historisch)
Siehe auch
Quellen
- Historische Aufzeichnungen und Berichte zur Eisenbahngeschichte Ahlens
- Ahlener Monatsschau (u. a. Beiträge zur Bahngeschichte)
- Artikel „AHLEN und die Köln-Mindener Eisenbahn“ (Alois Mayr-Münster)
- Stadt- und Zeitungsberichte zu Bahnhofsumbauten (1911–1916) und Arbeitskonflikten