Mexiko
Mexiko (Stadtteil von Ahlen)
Mexiko ist die umgangssprachliche Bezeichnung für einen südlich der Ahlener Innenstadt gelegenen Siedlungsbereich, der amtlich überwiegend als Gemmericher Siedlung bezeichnet wird. Der Name „Mexiko“ ist bis heute nicht offiziell anerkannt, hat sich jedoch über Jahrzehnte im alltäglichen Sprachgebrauch gehalten, insbesondere unter älteren Bewohnerinnen und Bewohnern Ahlens.
Der Stadtteil entwickelte sich ursprünglich als locker bebautes Randgebiet mit stark ländlichem Charakter und wuchs eng verbunden mit der Geschichte des Bergbaus in Ahlen. Trotz fortschreitender Verdichtung und städtebaulicher Veränderungen hat sich der eigenständige Charakter des Viertels bis heute erhalten.
Lage und Abgrenzung
Mexiko liegt südlich der Ahlener Innenstadt und jenseits des Bahndamms, der lange Zeit als faktische Trennlinie wahrgenommen wurde. Nach übereinstimmenden Erinnerungen der älteren Bevölkerung galten bis in die 1990er Jahre folgende Grenzen als allgemein anerkannt:
- nördliche Grenze: Am Röteringshof
- östliche Grenze: Dolberger Straße
- westliche Grenze: Hammer Straße
- südliche Grenze: Im Hövenerort
Diese Abgrenzung beruht auf gewachsenem Sprachgebrauch und stellt keine amtliche Stadtteildefinition dar.
Entstehung und Entwicklung
Der Bereich, der später als Mexiko bezeichnet wurde, war lange Zeit von Feldern, Wiesen und unbebautem Land geprägt. Ackerbau, Viehzucht und Kleintierhaltung spielten eine wichtige Rolle in der Selbstversorgung der Bewohner. Viele Grundstücke wurden zunächst informell genutzt, ohne dass dies größere Aufmerksamkeit erregte.
Ein großer Teil der Bevölkerung bestand aus Bergleuten, die auf dem Weg „zum Pütt“ Felder und Grünflächen durchquerten. Die Stadt Ahlen wurde als vergleichsweise weit entfernt wahrgenommen, sodass Mexiko lange Zeit als eine Art „Insel im Grünen“ galt. Der Richterbach führte damals noch sauberes Wasser und war frei von späteren Belastungen.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts veränderte sich die Struktur des Viertels deutlich. Landwirtschaftliche Flächen wichen zunehmend Wohnbebauung, der Verkehr nahm zu, und ehemals ruhige Straßen entwickelten sich zu stark frequentierten Durchgangswegen. Besonders die Gemmericher Straße und der Röteringshof wurde zum verkehrlichen Nerv des Viertels und ist bis heute ein prägendes Element.
Sozial- und Alltagsleben
Mexiko war über lange Zeit nahezu vollständig selbstversorgend. Hausmannskost prägte den Alltag, und in Zeiten knapper Versorgung wurden auch alkoholische Getränke eigenständig hergestellt. Das Leben spielte sich stark innerhalb der Nachbarschaft ab, wodurch enge soziale Bindungen entstanden.
Bewohner der Siedlung galten lange Zeit nicht als „klassische Ahlener“, sondern als eine eigene Gemeinschaft neben der Stadt. Überliefert sind auch Erzählungen über heftige Auseinandersetzungen, etwa bei Tanzveranstaltungen, wenn junge Frauen aus Mexiko von Auswärtigen umworben wurden. Trotz solcher Anekdoten galten die Bewohner als friedfertig, arbeitsam und zuverlässig.
Mit der Zeit entstanden Kirchen, Schulen, ärztliche Versorgung und gastronomische Betriebe. Etwas weiter südlich fanden sich noch Ziegeleien, die den Mexikanern neben der zeche Arbeit boten.
Namensgebung
Die Herkunft der Bezeichnung „Mexiko“ ist nicht eindeutig geklärt. Vielmehr existieren mehrere, teils widersprüchliche Erklärungsansätze, die nebeneinander überliefert wurden und bis heute diskutiert werden.
Überlieferte Erklärungen
Eine bekannte Version verortet die Namensgebung kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Demnach soll eine amerikanische Militärkolonne aus Richtung Walstedde nach dem Weg gefragt haben. Einheimische zeigten in Richtung Süden; mangels gemeinsamer Sprachkenntnisse sei dabei auch der Begriff „Mexiko“ gefallen, der sich anschließend als Bezeichnung für den Stadtteil festgesetzt habe.
Andere frühe Erklärungsversuche beziehen sich auf auffällige bauliche Merkmale, etwa halbrunde Dächer, die als ungewöhnlich wahrgenommen wurden.
Spätere Theorien
Im Rahmen einer späteren Umfrage wurden weitere Varianten genannt:
- Ein Karnevalsverein im Süden soll zeitweise das Motto „Mexiko“ getragen haben.
- Unterschiedlich farbig gestaltete Häuser hätten Assoziationen zu Mexiko geweckt.
- Nach Einbruch der Dunkelheit soll es im Viertel „zugegangen sein wie in Mexiko“, was als bildhafte Umschreibung diente.
- In den 1940er Jahren wurde Mexiko international mit wirtschaftlichem Aufschwung verbunden; das gleichzeitige Wachstum des südlichen Ahlener Stadtteils könnte zur Übernahme des Namens geführt haben.
Keine dieser Theorien gilt als gesichert. Der Name „Mexiko“ ist vielmehr Ausdruck lokaler Erzähltradition und kollektiver Erinnerung.
Wandel und Gegenwart
Im Laufe der Jahrzehnte wandelte sich Mexiko von einer ländlich geprägten Siedlung zu einem vollständig integrierten Stadtteil. Grünanlagen wurden bis in das Gebiet hinein erweitert.
Trotzdem blieb der historische Kern mit seinen Nebenstraßen, älteren Häusern und gewachsenen Strukturen erhalten. Ein Spaziergang durch diese Bereiche vermittelt bis heute einen Eindruck von der besonderen Atmosphäre des Viertels.
Bedeutung
Mexiko steht exemplarisch für die Entwicklung vieler Ahlener Randgebiete: vom selbstorganisierten Siedlungsraum über eine bergbaulich geprägte Arbeitergemeinde bis hin zu einem urban eingebundenen Stadtteil. Die Vielzahl an Erklärungen zur Namensgebung unterstreicht die Bedeutung mündlicher Überlieferung und lokaler Identität in der Stadtgeschichte Ahlens.
Fiesta Mexikana
Ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens im Stadtteil Mexiko ist die Fiesta Mexikana, die jährlich auf der Gemmericher Straße stattfindet. Das Straßenfest hat sich über die Jahre zu einem beliebten Treffpunkt für Anwohnerinnen und Anwohner sowie Gäste aus anderen Stadtteilen entwickelt.
Die Fiesta Mexikana greift den überlieferten Beinamen des Viertels auf und verbindet ihn mit einem offenen Nachbarschaftsfest. Musik, Gastronomie, Vereinsstände und Mitmachangebote prägen das Bild der Veranstaltung. Dabei steht weniger eine historisch-authentische Darstellung Mexikos im Vordergrund als vielmehr der gemeinschaftliche Charakter und die Identifikation mit dem Stadtteil.
Die Fiesta Mexikana gilt als Ausdruck der gewachsenen Stadtteilkultur und trägt dazu bei, den Namen „Mexiko“ auch im heutigen Ahlen lebendig zu halten.
Quellen
- Herbert Berger: „Mexiko“, in: Ahlener Monatsschau, 09/1973
- Zeitzeugenberichte und lokale Presse (u. a. Ahlener Zeitung)
- Rückmeldungen aus einer Umfrage zur Namensgebung (AhlenWiki/Facebook)