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Schuhfabrik Hürkamp

Aus AhlenWiki
Schuhfabrik Hürkamp
Anschrift Im Kühl 10
4730 Ahlen
Branche Schuhfabrik
Gründungsdatum 1918
Auflösungsdatum 1960
Auflösungsgrund Konkurrenzdruck
Inhaber Hermann Hürkamp;
später Kurt Schlegel


Die Schuhfabrik Hürkamp war eine Ahlener Schuhfabrik an der Straße Im Kühl 10. Das Unternehmen wurde 1918 von Hermann Hürkamp gegründet, der zuvor Teilhaber der Schuhfabrik Steinhoff gewesen war. Produziert wurden zunächst schwere Arbeits- und Berufsschuhe, später besonders Fußballschuhe, die unter dem Namen Schlegel-Schuhe bekannt wurden.[1]

Die Firma bestand bis 1960. Ihre Geschichte ist eng mit dem Wandel der Ahlener Schuhindustrie verbunden: vom Arbeitsschuhbetrieb über die Kriegsproduktion bis zum Versuch, sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit Sportschuhen auf einem Spezialmarkt zu behaupten.[1]

Historie

Vorgeschichte

Hermann Hürkamp war seit 1909 Teilhaber der Schuhfabrik Steinhoff & Hürkamp. 1916 schied er aus diesem Unternehmen aus. Nach seinem Ausscheiden gründete er eine eigene Schuhfabrik in Ahlen.[1]

Gründung und frühe Jahre

Die Schuhfabrik Hürkamp entstand 1918 an der Straße Im Kühl 10. Der Betrieb nutzte Räume der früheren Schuhfabrik Lünhörster & Wibbeke beziehungsweise Schuhfabrik Wibbeke an der Kühlstraße.[1]

Bereits im Gründungsjahr beschäftigte das Unternehmen 32 Arbeitskräfte. Hergestellt wurden vor allem schwere Arbeitsschuhe für Zechen- und Steinbrucharbeiter. Damit knüpfte Hürkamp an den für Ahlen typischen Produktionsschwerpunkt der robusten Berufsschuhe an.[1]

1920 wurde die Fabrik erweitert. In den 1920er Jahren entwickelte sich der Betrieb zu einem mittelständischen Unternehmen der Ahlener Schuhindustrie.[1]

Krisenjahre der 1920er und frühen 1930er Jahre

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der deutschen Schuhindustrie trafen auch die Schuhfabrik Hürkamp. 1928 und 1929 war der Betrieb aufgrund der schlechten Absatzlage geschlossen.[1]

Während der Weltwirtschaftskrise kam es 1930/1931 zu einem vorübergehenden Konkursverfahren. Die Zahl der Beschäftigten sank auf etwa 15 Personen.[1]

Nach der wirtschaftlichen Erholung der 1930er Jahre nahm auch Hürkamp wieder am Aufschwung der Ahlener Schuhindustrie teil. 1939 produzierte der Betrieb täglich etwa 250 Paar Schuhe. Zum Sortiment gehörten Arbeits-, Fußball- und Hausschuhe sowie Sandalen. Die Belegschaft umfasste 48 Beschäftigte.[1]

Zweiter Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkriegs fertigte die Schuhfabrik Hürkamp fast ausschließlich Militärschuhe für die Wehrmacht. Im Januar 1945 beschäftigte der Betrieb etwa 45 Arbeitskräfte.[1]

1942 starb Hermann Hürkamp. Die Geschäftsführung übernahm sein Schwiegersohn Kurt Schlegel. Seitdem wurden die Produkte auch unter dem Namen Schlegel-Schuhe bekannt.[1]

Wiederbeginn nach 1945

Nach der Besetzung Ahlens durch alliierte Truppen im März 1945 konnte die Schuhfabrik Hürkamp vergleichsweise schnell wieder arbeiten. Kurt Schlegel war Gegner des Nationalsozialismus gewesen und hatte von 1933 bis 1939 in Konzentrationslagern gesessen. Die alliierten Besatzungsoffiziere verzichteten deshalb auf eine Stilllegung des Betriebs.[1]

In den Jahren 1945 bis 1948 produzierte Hürkamp vor allem für die britische Rheinarmee, für Zechenbetriebe und andere Sonderkontingentträger. In dieser Zeit hatte der Betrieb rund 48 Beschäftigte.[1]

1948 versuchte das Unternehmen, ein Grundstück mit Gleisanschluss im Gewerbegebiet am Güterbahnhof zu erhalten. Ziel war es, den Betrieb zu verlegen und zu erweitern. Dieser Antrag blieb jedoch erfolglos, sodass die Firma am Standort Im Kühl 10 verblieb.[1]

Spezialisierung auf Fußballschuhe

Nach der Währungsreform stellte sich die Schuhfabrik Hürkamp neu auf. 1948/1949 spezialisierte sich der Betrieb auf die Herstellung von Fußballschuhen. Diese Entscheidung knüpfte an frühere Erfahrungen mit Sportschuhen an und sollte das Unternehmen unabhängiger vom hart umkämpften Markt für Arbeits- und Straßenschuhe machen.[1]

Besonders bekannt wurden die Fußballschuhe mit geschraubten und auswechselbaren Stollen. Diese sogenannten Plus-Punkt-Gewindestollen konnten je nach Bodenbeschaffenheit ausgetauscht werden. Entwickelt wurden die Modelle unter Mitwirkung des Delmenhorster Sportlehrers Furl, der mit Kurt Schlegel zusammenarbeitete.[1]

Die Schuhe wurden direkt an Sportvereine und Einzelkunden vertrieben. Unter dem Werbemotto „Besser gesund am Sportplatz als krank hinterm Ofen“ wurden zahlreiche Fußballvereine angeschrieben. 1954 belieferte Hürkamp mehr als 1000 Sportvereine und beschäftigte rund 50 Personen.[1]

Konkurrenz durch adidas und Niedergang

Der Erfolg der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 wirkte sich für die Schuhfabrik Hürkamp unerwartet negativ aus. Die deutsche Mannschaft gewann das Endspiel in Schuhen der Marke adidas. In der Folge stieg die Nachfrage nach adidas-Fußballschuhen stark an, während die Hürkamp- beziehungsweise Schlegel-Schuhe an Bedeutung verloren.[1]

Versuche, mit optisch ähnlichen Schuhen oder durch Behördenaufträge neue Absatzmöglichkeiten zu schaffen, konnten den Rückgang nicht aufhalten. Die kleine Ahlener Fabrik war dem übermächtigen Konkurrenten aus Herzogenaurach nicht gewachsen.[1]

1956/1957 sanken die Umsätze weiter. Auch der Versuch, Aufträge für Stiefel zu erhalten, brachte keinen dauerhaften Erfolg.[1]

1960 wurde die Schuhfabrik Hürkamp geschlossen.[1]

Produkte

Die Schuhfabrik Hürkamp stellte im Laufe ihrer Geschichte verschiedene Schuharten her:

  • schwere Arbeitsschuhe
  • Zechen- und Steinbruchschuhe
  • Militärschuhe
  • Hausschuhe
  • Sandalen
  • Fußballschuhe
  • Schlegel-Schuhe mit auswechselbaren Stollen

Besonders prägend für die Nachkriegsgeschichte des Unternehmens waren die Fußballschuhe mit geschraubten Stollen, die unter dem Namen Schlegel-Schuhe vertrieben wurden.[1]

Beschäftigte

Jahr / Monat Beschäftigte
Juni 1918 32
Juli 1919 28
Februar 1926 23
März 1927 26
März 1928 26
März 1929 26
März 1930 23
1931 15
1939 48
Januar 1945 45
Juni 1945 32
November 1946 45
Dezember 1946 42
Dezember 1948 48
1952 50
1954 50
1960 Schließung

Produktion

Jahr Tagesproduktion
1935/1938 ca. 200 Paar Schuhe
1939/1940 ca. 250 Paar Schuhe
1952 ca. 200 Paar Schuhe
1954 ca. 200 Paar Schuhe

Standort

Der Hauptstandort der Schuhfabrik Hürkamp befand sich an der Straße Im Kühl 10 in Ahlen. Bis zum 20. August 1940 nutzte die Firma zusätzlich ein Lager an der Nordenmauer 28.[1]

Der Standort Im Kühl 10 war für die spätere Entwicklung des Unternehmens nicht ideal. Nach dem Zweiten Weltkrieg scheiterte der Versuch, den Betrieb auf ein Grundstück mit Gleisanschluss im Gewerbegebiet am Güterbahnhof zu verlegen.[1]

Einordnung

Die Schuhfabrik Hürkamp war ein mittelständischer Betrieb der Ahlener Schuhindustrie. Ihre Geschichte zeigt mehrere typische Entwicklungen der Branche: die Entstehung aus handwerklich geprägten Strukturen, die Bedeutung von Arbeitsschuhen, die Anpassung an Kriegs- und Nachkriegswirtschaft sowie den späteren Konkurrenzdruck durch große Marken und internationalisierte Produktion.

Eine besondere Stellung nimmt Hürkamp durch die Entwicklung und Vermarktung der Schlegel-Fußballschuhe ein. Damit gehört die Firma auch zur lokalen Sport- und Fußballgeschichte Ahlens.[1]

  1. 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 1,14 1,15 1,16 1,17 1,18 1,19 1,20 1,21 1,22 1,23 1,24 Rolf Schorfheide: Wie der Aal unter die Sohle kam. Ahlen und seine Schuhindustrie, herausgegeben von der Stadt Ahlen, Ahlen 1996.