Schuhfabrik Steinhoff

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Schuhfabrik Steinhoff
Anschrift Lütkeweg 52
4730 Ahlen
Branche Schuhfabrik
Gründungsdatum 1898
Auflösungsdatum 1985
Auflösungsgrund Auflösung des Unternehmens
Inhaber Heinrich Steinhoff;
Theodor Sudhoff;
Hermann Hürkamp;
Theodor Seelige-Steinhoff;
Hedwig Seelige-Steinhoff;
Burghard Seelige-Steinhoff


Die Schuhfabrik Steinhoff war eine der bedeutendsten Schuhfabriken in Ahlen und später in Vorhelm. Das Unternehmen wurde 1898 als Schuhfabrik Steinhoff & Sudhoff gegründet und entwickelte sich neben der Schuhfabrik Tovar zu einem der wichtigsten Betriebe der Ahlener Schuhindustrie.

Im Laufe ihrer Geschichte firmierte die Firma unter verschiedenen Namen, darunter Steinhoff & Sudhoff, Steinhoff & Hürkamp, Steinhoff KG, später im Vertriebsbereich unter anderem Interline, Isko Mode GmbH und Schuhbox GmbH. Die Firma bestand bis 1985.[1]

Historie

Gründung als Steinhoff & Sudhoff

Die Schuhfabrik wurde 1898 von Heinrich Steinhoff und Theodor Sudhoff gegründet. Beide stammten aus Ahlener Handwerkerfamilien und waren vermutlich Schuhmachermeister. Der erste Standort befand sich an der Weberstraße 1. Kurz nach der Gründung zog der Betrieb in angemietete Räume am Lütkeweg 52.[1]

Produziert wurden zunächst vor allem Bergarbeiter- und Landarbeiterschuhe. Damit knüpfte das Unternehmen an den regionalen Bedarf an robustem Arbeitsschuhwerk an, der durch Industrie, Bergbau und Landwirtschaft geprägt war.[1]

1906 kaufte die Firma die Gebäude am Lütkeweg. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte der Betrieb etwa 20 Personen.[1]

Steinhoff & Hürkamp

1909 schied Theodor Sudhoff aus dem Unternehmen aus. An seine Stelle trat Hermann Hürkamp. Die Firma wurde daraufhin in Schuhfabrik Steinhoff & Hürkamp umbenannt.[1]

1916 verließ auch Hermann Hürkamp den Betrieb. Im selben Jahr trat der 16-jährige Stiefsohn Heinrich Steinhoffs, Theodor Seelige, in die Firma ein. Er begann zunächst als einfacher Arbeiter und wurde später unter dem Namen Theodor Seelige-Steinhoff zur prägenden Unternehmerpersönlichkeit des Betriebs.[1]

Erster Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs stellte Steinhoff & Hürkamp Militärschuhe für das Heer her. In den letzten Kriegsjahren litt die Produktion unter Arbeitskräfte- und Materialmangel. Der Betrieb wurde infolge der Kriegswirtschaft zeitweise weitgehend stillgelegt.[1]

1919 nahm die Firma die volle Produktion wieder auf. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte sie 27 Arbeitskräfte.[1]

Ausbau in den 1920er Jahren

Nach dem Ersten Weltkrieg profitierte die Schuhfabrik zunächst von der starken Nachfrage. 1921 begann der Bau eines neuen Fabrikgebäudes am Holzweg, durch das die Betriebsfläche verdoppelt wurde. 1922/1923 folgten weitere Erweiterungsbauten am Lütkeweg.[1]

Die Tagesproduktion lag Anfang der 1920er Jahre bei etwa 450 bis 500 Paar Schuhen. 1923 stieg die Beschäftigtenzahl auf etwa 80 Personen.[1]

1923 begann außerdem der Bau eines weiteren Fabrikgebäudes an der Ecke Beckumer Straße / Rottmannstraße. Dieses Projekt wurde jedoch durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der folgenden Jahre belastet.[1]

Krise und Weltwirtschaftskrise

Mitte der 1920er Jahre geriet die Firma wie die gesamte Ahlener Schuhindustrie unter Druck. 1925 lag die Tagesproduktion zwar noch bei über 800 Paar Schuhen, doch führten geschäftliche Verluste 1927 zum Verkauf des Grundstücks und Rohbaus an der Beckumer Straße/Rottmannstraße. Später entstand dort die Berufsschule.[1]

Heinrich Steinhoff zog sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Geschäftsführung zurück. Die Leitung lag nun bei seinen Söhnen Theo, Heinz und Karl.[1]

Während der Weltwirtschaftskrise wurde in der Schuhfabrik zeitweise nur an einem Tag in der Woche produziert. 1931 sank die Tagesproduktion auf etwa 400 Paar. 1933 beschäftigte der Betrieb nur noch 51 Arbeitskräfte.[1]

Aufschwung in der NS-Zeit

1934 wurde die Firma in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Hauptgesellschafter wurde Theodor Seelige-Steinhoff. In dieser Zeit firmierte das Unternehmen als Steinhoff & Hürkamp KG beziehungsweise später als Steinhoff KG.[1]

Staatliche Aufträge zur Ausstattung der Wehrmacht mit Militärschuhen führten zu einem deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Beschäftigtenzahl stieg 1934 wieder auf etwa 100 Personen. In den folgenden Jahren wuchs die Produktion weiter.[1]

1936 starb Firmengründer Heinrich Steinhoff im Alter von 62 Jahren.[1]

1938 begann das Unternehmen mit dem Bau eines neuen Fabrikgebäudes an der Eisenbahnlinie in Vorhelm. 1939 war die Tagesproduktion auf etwa 1000 Paar Schuhe gestiegen; die Beschäftigtenzahl lag bei rund 220 Personen.[1]

Zweiter Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkriegs produzierte die Steinhoff KG fast ausschließlich Schuhe und Stiefel für die Wehrmacht. Dazu gehörten unter anderem Militärstiefel und Filzstiefel.[1]

1941 wurde der Firmenname in Steinhoff KG geändert.[1]

Im Krieg nutzte die Firma zusätzliche Werke und Lagerflächen. Die Zuschneiderei wurde in ein Werk an der Beckumer Straße verlegt, während ein weiteres Werk an der Ostbredenstraße als Bodenlederlager und Stanzerei diente.[1]

1945 wurde die Produktion nach der Besetzung zunächst stillgelegt, im Juni aber wieder aufgenommen. Der Betrieb beschäftigte zu diesem Zeitpunkt etwa 160 Arbeitskräfte.[1]

Nachkriegszeit und Umstellung auf modische Schuhe

Nach dem Krieg nahm die Firma zunächst die Produktion dringend benötigter Arbeitsschuhe wieder auf. In der Nachkriegszeit fertigte Steinhoff unter anderem Schuhe für Bergarbeiter und andere Sonderkontingente.[1]

Mit der Währungsreform 1948 änderten sich die wirtschaftlichen Bedingungen. Das Unternehmen stellte sich nun stärker auf modische Herren- und Damenschuhe um. Neben Arbeits- und Berufsschuhen wurden auch Straßen-, Damen-, Jugend- und Sportschuhe angeboten.[1]

Verlagerung nach Vorhelm

1949 verlagerte die Firma ihren Sitz nach Vorhelm. Dort entstand das neue Werk I am Bahnhof Vorhelm. Gleichzeitig blieb der alte Standort am Lütkeweg in Ahlen zunächst als Werk II bestehen.[1]

Am 10. Oktober 1949 wurde die Schuhvertriebsgesellschaft m.b.H. in Vorhelm gegründet. Sie übernahm den Vertrieb der Steinhoff-Produkte. Zu dieser Zeit beschäftigte das Unternehmen insgesamt etwa 400 Personen.[1]

Der Wegzug nach Vorhelm war für Ahlen wirtschaftlich spürbar, da die Stadt Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen verlor.[1]

Tod Theodor Seelige-Steinhoffs

1950 starb Theodor Seelige-Steinhoff im Alter von nur 49 Jahren. Sein Tod traf das Unternehmen in einer wichtigen Umbruchphase. Die Firma hatte gerade den neuen Standort in Vorhelm bezogen und befand sich in der Umstellung auf die neuen Marktbedingungen der Nachkriegszeit.[1]

Nach seinem Tod übernahm seine Frau Hedwig Seelige-Steinhoff die Firmenleitung. Später wurde ein externer Geschäftsführer eingesetzt.[1]

Spätere Entwicklung und Vertriebsgesellschaften

1964 übernahm der 33-jährige Burghard Seelige-Steinhoff die Leitung des Betriebs. Die deutsche Schuhindustrie geriet in den 1960er Jahren zunehmend unter Druck durch ausländische Konkurrenz und veränderte Verbrauchergewohnheiten.[1]

Die Firma Steinhoff wandelte sich schrittweise von einer produzierenden Schuhfabrik zu einer Handels- und Vertriebsgesellschaft. Unter dem Namen Interline-design 68 wurden Schuhe vertrieben, die im Ausland hergestellt wurden. Die Interline hatte Handelsvertretungen unter anderem in Holland, der Schweiz, Frankreich, Österreich und Skandinavien.[1]

1977 trat an die Stelle der Interline die Isko Mode GmbH beziehungsweise Internationale Schuh-Kollektion. 1982 wurde die Isko Mode GmbH aufgelöst und die Schuhbox GmbH gegründet.[1]

1985 wurde auch dieses Unternehmen aufgelöst. Damit endete die Geschichte der Schuhfabrik Steinhoff nach 87 Jahren.[1]

Firmennamen und Unternehmensphasen

Zeitraum Name / Phase Bemerkung
1898–1909 Steinhoff & Sudhoff Gründungsfirma von Heinrich Steinhoff und Theodor Sudhoff
1909–1934/1941 Steinhoff & Hürkamp Nach Eintritt Hermann Hürkamps
ab 1934/1941 Steinhoff KG Kommanditgesellschaft, später offizieller Firmenname
ab 1949 Schuhvertriebsgesellschaft m.b.H. Vertriebsgesellschaft in Vorhelm
ca. 1967–1977 Interline / Interline-design 68 Vertriebsphase mit im Ausland produzierten Schuhen
1977–1982 Isko Mode GmbH Internationale Schuh-Kollektion
1982–1985 Schuhbox GmbH letzte Unternehmensphase

Standorte

Standort Zeitraum Bemerkung
Weberstraße 1 ab 1898 erster Standort der Firma Steinhoff & Sudhoff
Lütkeweg 52 ab ca. 1898/1905 Hauptstandort in Ahlen, später Werk II
Holzweg ab 1921 geplanter/errichteter Erweiterungsbau
Beckumer Straße / Rottmannstraße ab 1923 geplant Rohbau später an die Stadt verkauft; spätere Berufsschule
Beckumer Straße Zweiter Weltkrieg Werk II, Zuschneiderei und Oberlederlager
Ostbredenstraße Zweiter Weltkrieg Werk III, Bodenlederlager und Stanzerei
Bahnhof Vorhelm ab 1949 Werk I und späterer Firmensitz

Beschäftigte

Jahr / Monat Beschäftigte
März 1905 19
1906 ca. 20
1908 ca. 30
Juni 1918 32
Juli 1919 27
1923 80
Dezember 1925 ca. 80
Februar 1926 ca. 55
März 1927 89
März 1928 88
März 1929 73
März 1930 72
März 1931 77
März 1932 59
März 1933 51
Ende 1933 ca. 75
April 1934 100
April 1935 98
1939 220
November 1940 100
Januar 1945 280
Juni 1945 160
Juli 1945 150
November 1946 189
Dezember 1946 190
Dezember 1948 184
Dezember 1949 ca. 400
1951 ca. 300
1962 300
1985 Auflösung

Produktion

Jahr Tagesproduktion
1922 ca. 450 Paar Schuhe
1925 ca. 830 Paar Schuhe
1931 ca. 400 Paar Schuhe
1939/40 ca. 1000 Paar Schuhe
1949 ca. 2000 Paar Schuhe im Ahlener Werk II und Vorhelmer Werk I

Produkte

Die Firma Steinhoff produzierte im Laufe ihrer Geschichte unterschiedliche Schuharten. In der Frühzeit standen Bergarbeiter- und Landarbeiterschuhe im Vordergrund. Während der Weltkriege wurden Militärschuhe gefertigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte das Unternehmen sein Sortiment um Herren-, Damen-, Jugend-, Sport- und Arbeitsschuhe.[1]

Bekannte Produktbezeichnungen und Marken aus dem Umfeld der Firma waren unter anderem:

  • Marke Steinhoff unverwüstlich
  • Westfalenstolz
  • Jugendstiefel Klettermax
  • Interline-design 68

Bedeutung

Die Schuhfabrik Steinhoff war neben der Schuhfabrik Tovar einer der wichtigsten Betriebe der Ahlener Schuhindustrie. Sie steht für den Aufstieg der Branche aus handwerklichen Anfängen, für die starke Bedeutung der Arbeitsschuhproduktion, aber auch für die späteren strukturellen Probleme der deutschen Schuhindustrie.

Mit bis zu etwa 400 Beschäftigten nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Steinhoff zu den größten Schuhbetrieben im Raum Ahlen/Vorhelm.[1]

Quellen und Links

  1. 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 1,14 1,15 1,16 1,17 1,18 1,19 1,20 1,21 1,22 1,23 1,24 1,25 1,26 1,27 1,28 1,29 1,30 1,31 1,32 1,33 1,34 Rolf Schorfheide: Wie der Aal unter die Sohle kam. Ahlen und seine Schuhindustrie, herausgegeben von der Stadt Ahlen, Ahlen 1996.