Haus Sandgathe
| Haus Sandgathe | |
|---|---|
| Anschrift | Südstraße 4 |
| Ursprüngliche Nutzung | Bürgerhaus mit Bäckerei und Stallungen |
| Heutige Nutzung | Kreismusikschule und Veranstaltungsstätte |
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Das Haus Sandgathe ist ein historisches Bürgerhaus an der Südstraße 4 in Ahlen. Das nach einem Brand um 1807 neu errichtete Gebäude diente zeitweise als Bäckerei, Gastwirtschaft und Branntweinbrennerei. Die Gaststätte Sandgathe entwickelte sich im 19. und 20. Jahrhundert zu einem bedeutenden gesellschaftlichen und politischen Treffpunkt in Ahlen.
Heute wird das Gebäude unter anderem von der Kreismusikschule genutzt.
Geschichte
Errichtung und frühe Nutzung
Das Gebäude wurde um 1807 als Wiederaufbau nach einem Brand errichtet. Als Bauherr gilt vermutlich der Bäckermeister Neuhaus.[1]
Ursprünglich handelte es sich um ein vorindustrielles Bürgerhaus mit Wohnräumen, Bäckerei und Stallungen. Das Gebäude war in mehrere Funktionsbereiche gegliedert und stellte damit ein typisches Beispiel für die bürgerliche Lebens- und Wirtschaftsweise im Ahlen des frühen 19. Jahrhunderts dar.[1]
Im Jahr 1878 kam es zu einem ersten Besitzerwechsel. Seit etwa 1880 befand sich das Haus im Besitz der aus Essen-Delwig stammenden Familie Sandgathe.[1]
Gaststätte und Brennerei Sandgathe
Die Familie Sandgathe gab die bisherige Bäckerei auf und richtete stattdessen eine Branntweinbrennerei ein. Diese entwickelte eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung und war bis etwa zur Jahrhundertwende in Betrieb.[1]
Im linken Teil des Hauses wurde eine Gastwirtschaft eingerichtet. Sie gehörte zeitweise zu den beliebtesten Gaststätten in der Ahlener Innenstadt. Neben dem gewöhnlichen Gaststättenbetrieb war das Lokal auch für Feierlichkeiten und politische Versammlungen bekannt.[1]
Im Jahr 1911 wurde auf der Rückseite des Gebäudes ein Saal angebaut. Dadurch konnten größere Feiern und Veranstaltungen im Haus stattfinden.[1][2]
Gesellschaftliche und politische Bedeutung
Das Haus Sandgathe war über Jahrzehnte ein Treffpunkt unterschiedlicher gesellschaftlicher und politischer Gruppen.
Im Jahr 1904 wurde in der Gaststätte der Männergesangverein „Einigkeit“ gegründet. Aus diesem ging 1923 der Volkschor hervor.[1]
Im Jahr 1948 entstand hier der Altherrenzirkel „Aöhlske Pott“ des Kartellverbandes katholischer deutscher Studentenvereine. Das Haus wurde anschließend über viele Jahre als dessen Stammlokal genutzt.[1]
Darüber hinaus war die Gaststätte Treffpunkt von Gewerkschaftern und galt zeitweise als Heimat der Ahlener SPD. Auch politische Veranstaltungen wurden in den Räumen abgehalten. Nach einer örtlichen Überlieferung soll die sozialistische Politikerin Rosa Luxemburg im Haus Sandgathe eine Rede gehalten haben. Ein eindeutiger Nachweis hierfür wird in der Quelle jedoch nicht genannt.[1]
Der spätere Bürgermeister und CDU-Fraktionsvorsitzende Herbert Faust lernte in der Gaststätte bei einer Tanzveranstaltung seine spätere Ehefrau Elisabeth kennen.[1]
Gebäude
Das Haus Sandgathe ist ein breit gelagertes, eingeschossiges Fachwerkhaus mit einem rückwärtigen Zwischengeschoss. Das Gebäude besitzt ein Krüppelwalmdach mit Holzziegeldeckung und einen traufseitig angeordneten Zahnschnitt.[1]
Die Straßenfassade ist vollständig verputzt. Die Fenster besitzen hölzerne Rahmen, kleinteilige Sprossen und teilweise Schlagläden. Der klassizistische Charakter des Hauses wurde durch spätere Veränderungen stellenweise beeinträchtigt.[1]
Die rückwärtige Seite des Hauptgebäudes ist ebenfalls verputzt. Dort befinden sich unter anderem eine verschieferte Giebelgaube und zweigeschossige Fachwerkanbauten. Der 1911 geschaffene Saal entstand als Verlängerung des südlichen Anbaus und wurde in Sichtmauerwerk ausgeführt.[1]
Im Inneren waren Ende der 1980er-Jahre noch zahlreiche historische Bauteile und Ausstattungsstücke erhalten. Dazu gehörten unter anderem:
- eine vermutlich ursprünglich größere Diele,
- alte Holzwände,
- Fußböden aus großen Kalksteinplatten,
- Holztreppen zum Zwischen- und Dachgeschoss,
- dunkle Holzvertäfelungen,
- Stellborde,
- sichtbare Deckenbalken,
- ein teilweise eingestellter Keller mit Mauerwerksgewölbe,
- Stallungen im nördlichen Anbau,
- die ehemalige Wirtsstube,
- eine Küche sowie
- ein Backofen im hinteren Bereich der Diele.
Die städtische Dokumentation über erhaltenswerte Gebäude bezeichnete das Haus als gutes Beispiel eines stattlichen Bürgerhauses aus der vorindustriellen Zeit Ahlens.[1]
Gefährdung und Erhaltung
In den 1980er-Jahren befand sich das Gebäude in einem schlechten baulichen Zustand. Feuchtigkeit war in das Fachwerk eingedrungen, der Außenputz löste sich und Teile des Gebälks waren geschädigt. Das Haus wurde zeitweise nur noch als Möbellager und Abstellraum genutzt.[1]
Im Herbst 1985 setzte sich der Wasserturmverein für den Erhalt des Gebäudes ein. Der damalige Eigentümer Wolfgang Deußen beabsichtigte, das Haus zu veräußern. Auf Initiative des stellvertretenden Denkmalschutzbeauftragten Dr. Heinrich Schwippe nahm sich der Verein des gefährdeten Baudenkmals an.[1]
Im Frühjahr 1986 führte der Wasserturmverein zahlreiche Gespräche mit Politik, Verwaltung und dem Landeskonservator in Münster. Dabei wurden verschiedene Nutzungsmöglichkeiten erörtert.[1]
Im Zuge eines Widerspruchsverfahrens gegen die Unterschutzstellung wurde das Gebäude erneut untersucht. Die obere Denkmalbehörde stellte dabei fest, dass nicht nur das Haupthaus, sondern der gesamte Gebäudekomplex einschließlich des Saales als Baudenkmal anzusehen sei.[1]
Als mögliche öffentliche Nutzungen wurden unter anderem Räume für das Heimatmuseum, die Volkshochschule, die Kunstsammlung der Stadt und die Kreismusikschule vorgeschlagen. Im Jahr 1987 besichtigte Professor Dr. Karl Ganser vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Stadtentwicklung und Verkehr das Gebäude. Er unterstützte die Idee, dort die Kreismusikschule unterzubringen, und stellte Fördermittel in Aussicht.[1]
Nach der späteren Sanierung wurde das städtische Gebäude von der Kreismusikschule genutzt. Der große Saal stand zudem verschiedenen Einrichtungen für kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung.[2]
Bedeutung
Das Haus Sandgathe ist sowohl baugeschichtlich als auch sozial- und wirtschaftsgeschichtlich von Bedeutung. Es dokumentiert die Lebensweise wohlhabender Bürger in der vorindustriellen Zeit und erinnert zugleich an die politische, gewerkschaftliche und kulturelle Entwicklung Ahlens im 19. und 20. Jahrhundert.
Durch seine unterschiedlichen Nutzungen als Bürgerhaus, Bäckerei, Brennerei, Gaststätte, Versammlungslokal und Kulturstätte gehört es zu den vielseitigsten historischen Gebäuden der Ahlener Innenstadt.
Siehe auch
Quellen
Literatur
- Maria Kessing: „Sandgathe – ein Haus mit großer Geschichte bettelt um eine Zukunft“, in: Der beflügelte Aal, Nr. 6, 1987, S. 27–32.
- WFG Wirtschaftsförderungsgesellschaft Ahlen mbH: Stadtführungen in Ahlen. Textliche Zusammenfassung für Stadtführer und Stadtführerinnen, Ahlen 2008, S. 17.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 1,14 1,15 1,16 1,17 1,18 Maria Kessing: „Sandgathe – ein Haus mit großer Geschichte bettelt um eine Zukunft“, in: Der beflügelte Aal, Nr. 6, 1987, S. 27–32.
- ↑ 2,0 2,1 WFG Wirtschaftsförderungsgesellschaft Ahlen mbH: Stadtführungen in Ahlen. Textliche Zusammenfassung für Stadtführer und Stadtführerinnen, Ahlen 2008, S. 17.