Westfalenhof
| Westfalenhof | |
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51.755657.91383 Koordinaten: 51° 45′ 20″ N, 7° 54′ 50″ O
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| Anschrift | Wetterweg 40 |
| Baujahr | 1911 (Eröffnung Gaststätte) ab 1909 Baracken/Kantine |
| Ursprüngliche Nutzung | Arbeiterkantine / Gaststätte / Saalbetrieb / Kino |
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Der Westfalenhof ist ein historisches Gaststätten- und Saalgebäude am Wetterweg / Ecke Schachtstraße in Ahlen (Zechenkolonie/„Kolonie“). Er galt über Jahrzehnte als zentraler Treffpunkt für Vereinsleben, Politik und Alltag in der Kolonie und war zeitweise auch Kino („Weli“).
Überblick
- Ursprung: Arbeiterkantine/Unterkunft im Umfeld des Zechenbaus (ab 1909).
- Eröffnung des repräsentativen Gaststätten-Neubaus: 1911.
- Saalbetrieb: ab 1913 (Veranstaltungen, Versammlungen, Feste).
- Kino im Saal: Wiedereröffnung 1952, endgültiges Ende 1967.
- Schließung der Gastwirtschaft: 30. November 1987.
- Denkmalschutz: Ratsbeschluss zur Eintragung 30. Juni 1988; Unterschutzstellung ab 1989.
Geschichte
Von der Kantine zur Gaststätte (1908–1913)
Die Geschichte beginnt mit einer Arbeiterkantine für die Mannschaften, die ab 1909 die Schächte der Zeche Westfalen abteuften. Der Ahlener Hotelier und Gastwirt Anton Pieper jun. erhielt hierfür ein Grundstück am damaligen Separationsweg (heute Wetterweg) unter der Auflage, eine Kantine (später auch Gaststätte) zu errichten. Die Finanzierung erfolgte u. a. über Kredite mit Lieferbindung (u. a. Brauerei Isenbeck); Isenbeck blieb bis zuletzt die prägende Biermarke im Haus.
Im Juli 1911 wurde der „Hotel- und Restaurations-Neubau“ als Westfalenhof eröffnet; noch 1911 folgte eine Erweiterung (offene Halle). 1913 entstand der große Saal als Veranstaltungsraum der Kolonie.
Westfalenhof als „Kolonie im Kleinen“
Der Westfalenhof war über Jahrzehnte einer der wichtigsten öffentlichen Orte der Kolonie: Schankstube, Vereinslokal, Versammlungsort und sozialer Mittelpunkt – von Arbeitervereinen über polnische und tschechische Feste bis zu Gewerkschafts- und Parteistrukturen. Zeitweise fungierte er zudem als Knappschafts-Zahllokal (Auszahlung von Krankengeld/Renten) – ein Stück Alltagsorganisation, das 1966 mit der Umstellung auf bargeldlose Zahlung endete.
Prägung durch die Wirte (Auswahl)
In den Erinnerungen der Kolonie ist der Westfalenhof eng mit seinen Wirten verbunden – besonders mit Theodor Bellut (1937–1962), unter dem das Haus zu einer Institution wurde („Bellut“). Später folgten u. a. Rudolf Dittmann (1962–1969, Spitzname „Mehlfuß“), Herbert Toppmöller („Höschken“, ab 1969; Umbau des Saals zum Tanzbetrieb) und als letzte Wirtin Ursula Kircheis (1974–1987).
| Zeitraum | Nutzung / Ereignis |
|---|---|
| ab 1909 | Arbeiterkantine/Unterkunft im Umfeld des Zechenbaus |
| 1911 | Eröffnung Gaststättenbau „Westfalenhof“, Erweiterung im selben Jahr |
| 1913 | Bau/Einrichtung des Saals (Veranstaltungen der Kolonie) |
| 1952 | Kino („Westfalia-Lichtspiele“, „Weli“) startet neu (Eröffnung 31.10.1952) |
| 1964 | Kino: Ende des Vollprogramms (01.04.1964) |
| 1967 | Kino endgültig beendet („Schlappenkino“) |
| 1969 | Saal wird für Tanzbetrieb/Discobetrieb umgerüstet |
| 30.11.1987 | Schließung der Gastwirtschaft |
| 30.06.1988 / ab 1989 | Eintragung/Unterschutzstellung als Denkmal |
Kino „Weli“ (Westfalia-Lichtspiele)
Ein besonderes Kapitel ist das Kino im Saal: Nach einem früheren (vor 1937) bestehenden Vorführbetrieb wurde das Kino 1952 neu aufgebaut und als kleinstes der vier Ahlener Kinos der 1950er Jahre bekannt. Es lief ohne spielfreien Tag mit festen Vorstellungszeiten, war preisgünstig und zog auch Publikum „jenseits der Bahn“ an. Umgangssprachlich setzte sich der Name „Weli“ durch; später wurde es als „Schlappenkino“ erinnert. Technisch entwickelte sich der Betrieb von 16mm hin zu 35mm und späteren Breitbild-/Cinemascope-Verfahren. Nach sinkenden Besucherzahlen endete 1964 das Vollprogramm; 1967 war endgültig Schluss.
Nachnutzung und Denkmalschutz
Nach der Schließung 1987 wurde das Gebäude zeitweise anderweitig genutzt (u. a. als islamisches Jugendzentrum bis 1991; daneben existierten weitere Nutzungen/Einbauten in Nebentrakten). Aufgrund des Erhaltungszustands des Saals (u. a. farbige Schablonenmalerei, Gesimse) beschloss der Rat der Stadt Ahlen am 30. Juni 1988 die Eintragung in die Denkmalliste; ab 1989 stand der Westfalenhof unter Denkmalschutz.
Wirte und Pächter
Der Westfalenhof ist eng mit seinen Wirten verbunden, die das Haus – je nach Zeit – als Kantine, Gaststätte, Saalbetrieb und später auch mit Tanz-/Discobetrieb geprägt haben.
| Zeitraum | Wirt / Pächter | Hinweise |
|---|---|---|
| 1911 – Juni 1917 | Otto Schleich | Erster Wirt im Westfalenhof (zur Eröffnung/Frühzeit des Hauses). |
| Juni 1917 – März 1920 | Kajetan Mall | Nachfolger; kehrte im März 1920 an den Glückaufplatz zurück; † 1922. |
| März 1920 – 1922 | Heinrich Hagemann | „Dritter Wirt“; verließ den Westfalenhof 1922. |
| 1922 – Ende Mai 1932 | Fritz Brüggemann | Pacht nach Hagemann; verließ Ahlen Ende Mai 1932. |
| September 1932 – 1937 | Anna Hagemann | Rückkehr in den Westfalenhof; Übergabe 1937. |
| 1937 – 1962 | Theodor Bellut | Prägte den Westfalenhof am längsten; Phase mit starkem Saal-/Vereinsleben, später u. a. Kino-Wiederbelebung. |
| 1962 – 1969 | Rudolf Dittmann | Nachfolger Belluts; führte das Haus mehrere Jahre weiter. |
| 1969 – 1974 | Herbert Toppmöller | Umbau des Saals in Richtung Tanz-/Discobetrieb; Vertragslaufzeit fünf Jahre. |
| 1974 – 30.11.1987 | Ursula Kircheis | Letzte Wirtin; Schließung der Gastwirtschaft am 30. November 1987. |
Fotos
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Westfalenhof (historisch)
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Westfalenhof 2009
