Ahlener Volksbank
Ahlener Volksbank
Die Ahlener Volksbank e.G.m.b.H. war eine genossenschaftliche Bank in Ahlen, die am 2. November 1896 gegründet wurde. Sie entstand im Geist von Hermann Schulze-Delitzsch und richtete sich vor allem an Handwerker, Gewerbetreibende, Kaufleute und kleinere selbständige Betriebe.
Die Ahlener Volksbank bestand bis zur Verschmelzung mit der Spar- und Darlehnskasse Ahlen im Jahr 1980. Aus der Fusion ging die spätere Volksbank Ahlen eG hervor.
Vorgeschichte
Als die Ahlener Volksbank gegründet wurde, bestand der Ahlener Spar- und Darlehnskassen-Verein bereits seit 1884. Während dieser stärker im ländlichen und landwirtschaftlichen Bereich verwurzelt war und auf Friedrich Wilhelm Raiffeisen zurückging, folgte die Ahlener Volksbank dem gewerblichen Genossenschaftsgedanken von Hermann Schulze-Delitzsch.
Ahlen befand sich im ausgehenden 19. Jahrhundert in einem starken wirtschaftlichen Wandel. Neben Landwirtschaft und Handwerk gewannen Industrie, Handel und Gewerbe zunehmend an Bedeutung. Besonders die Emailleindustrie, der Strontianitbergbau, Maschinenfabriken, Ziegeleien, Schuhfabriken und weitere Gewerbezweige prägten die Entwicklung der Stadt.
Für viele Gewerbetreibende und Handwerker entstand dadurch ein wachsender Bedarf an Krediten, sicheren Einlagen und bankmäßiger Abwicklung geschäftlicher Forderungen.
Gründung 1896
Die Gründung der Ahlener Volksbank erfolgte am 2. November 1896. Auf Einladung des örtlichen Hauptvorstandes versammelten sich Gewerbetreibende und weitere Bürger aus Ahlen, um die Einrichtung einer Kreditgenossenschaft zu beschließen.
Den Vorsitz führte der Wagenbauer Gustav Reichel. Als Schriftführer fungierte der Buchdruckereibesitzer Emil Schultz.
Als Grundlage diente das Statut der Volksbank zu Münster e.G.m.b.H. Es wurde unter anderem festgelegt, dass die beschränkte Haftung 300 Mark betragen sollte und der Aufsichtsrat zunächst aus sechs Mitgliedern bestehen sollte.
Erste Organe
In der ersten Generalversammlung wurde der Aufsichtsrat gewählt. Ihm gehörten zunächst an:
| Name | Funktion / Beruf |
|---|---|
| W. Krämer | Aufsichtsratsmitglied |
| Emil Schultz | Buchdruckereibesitzer |
| W. Hufnagel | Anstreichermeister |
| Gustav Reichel | Wagenbauer |
| Josef Koch | Schneidermeister |
| Heinrich Klockenbusch | Schreinermeister |
Da Emil Schultz, Josef Koch und Wilhelm Hufnagel anschließend in den Vorstand gewählt wurden, rückten für sie weitere Mitglieder in den Aufsichtsrat nach.
Zum ersten Vorstand wurden gewählt:
| Name | Funktion | Beruf |
|---|---|---|
| Josef Koch | Vorsitzender | Schneidermeister |
| Wilhelm Hufnagel | Stellvertreter | Anstreichermeister |
| Emil Schultz | Rendant | Buchdruckereibesitzer |
Gründungsmitglieder
Die Gründungsliste der Ahlener Volksbank zeigt deutlich die gewerbliche Ausrichtung des Instituts. Unter den Mitgliedern befanden sich vor allem Handwerker, Kaufleute und Gewerbetreibende.
| Name | Beruf / Stand |
|---|---|
| Emil Schultz | Druckereibesitzer |
| Friedrich Meidrott | Schneidermeister |
| Gustav Reichel | Wagenbauer |
| Wilhelm Hufnagel | Anstreichermeister |
| Heinrich Leuer | Tischlermeister |
| Clemens Pohlkötter | Schlossermeister |
| Heinrich Klockenbusch | Schreinermeister |
| Anton Holtbuer | Müllermeister |
| Bernhard Schumacher | Lohgerber |
| Heinrich Schmidtmeier | Anstreichermeister |
| Heinrich Tertilte | Schreinermeister |
| Gerhard Ostermann | Weber |
| H. Kemper | Kohlenhandlung |
| Wilhelm Sandgathe | Brennereibesitzer |
| Wilhelm Krämer | Bauunternehmer |
| Bernhard Portmann | Schneidermeister |
| Gerhard Schweins | Bierverleger |
| Stephan Schlotböller | Schuhmachermeister |
| Clemens Meyer | Uhrmachermeister |
| Josef Koch | Schneidermeister |
| Franz Neuhaus | Bäckermeister und Wirt |
| Josef Schlieper | Schneidermeister |
| Heinrich Eustergerling | Zimmermeister |
| Theodor Flürenbrock | Maurermeister |
| Gustav Wiggers | Sattlermeister |
| Theodor Portmann | Schuhmachermeister |
| C. G. Langschädel | Klempnermeister |
| Heinrich Rötering | Zimmermeister |
| Bernhard Flürenbrock | Maurermeister |
| Johann Theodor Leifeld | Küfermeister |
| Bernhard Neuhaus | Fuhrunternehmer |
| Bernhard Tovar | Wirt |
| Wilhelm Holtmann | Schneidermeister |
| Heinrich Recker | Schreinermeister |
Die Zusammensetzung der Gründungsmitglieder unterscheidet sich deutlich vom Gründerkreis des Ahlener Spar- und Darlehnskassen-Vereins. Während dort Landwirte und Bauern dominierten, war die Ahlener Volksbank überwiegend von Handwerkern und Gewerbetreibenden geprägt.
Eintragung ins Genossenschaftsregister
Die Eintragung der Genossenschaft erfolgte im November 1896. Im Genossenschaftsregister wurde sie unter der Firma
- Ahlener Volksbank, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht zu Ahlen i. W.
geführt.
Als Gegenstand des Unternehmens wurde der Betrieb eines Bankgeschäfts genannt. Dieses beruhte auf Geschäftsanteilen von je 100 Mark und einer zusätzlichen Haftung von 300 Mark je Geschäftsanteil.
Der Zweck der Genossenschaft war die Förderung des Erwerbs und der Wirtschaft ihrer Mitglieder, insbesondere durch:
- Gewährung von Kredit
- Annahme und Verzinsung verfügbarer Geldvorräte
- Übernahme der Einziehung geschäftlicher Forderungen
- Regulierung in Konkursfällen
- Annahme von Spareinlagen auch von Nichtmitgliedern
Erstes Geschäftsjahr
Die erste Bilanz zeigt, dass die Ahlener Volksbank rasch ihre Geschäftstätigkeit aufnahm. Für das Jahr 1896 wurden unter anderem folgende Werte genannt:
| Position | Betrag |
|---|---|
| Bilanzsumme | 90.688,15 Mark |
| Geschäftsanteile | 7.908,00 Mark |
| Spareinlagen | 28.396,83 Mark |
| Reingewinn | 393,76 Mark |
Im dritten Geschäftsjahr, also 1899, betrug die Bilanzsumme bereits 405.113,93 Mark. Die Mitgliederzahl lag am Ende des Geschäftsjahres bei 100 Mitgliedern.
Mitgliederentwicklung
Die Mitgliederzahl entwickelte sich in den ersten Jahren stetig:
| Jahr | Mitglieder |
|---|---|
| 1896 | 34 |
| 1899 | 92 |
| 1902 | 102 |
| 1904 | 112 |
| 1913 | 122 |
Diese Entwicklung zeigt den Bedarf verschiedener Bevölkerungskreise nach einem gewerblich orientierten Kreditinstitut in Ahlen.
Erstes Domizil an der Oststraße
Ihr erstes Domizil hatte die Ahlener Volksbank im Haus des Buchdruckereibesitzers Emil Schultz an der Oststraße. Schultz war Verleger des Stadt- und Landboten, Stadtverordnetenvorsteher und Beigeordneter in Ahlen.
Das Bankgeschäft blieb bis 1931 im Hause Schultz an der Oststraße 44. Aufsichtsrat und Vorstand planten dort später einen Um- beziehungsweise Erweiterungsbau.
Umzug Im Kühl
Im Jahr 1931 zog die Ahlener Volksbank in das Haus des Kaufmanns Josef Thormann Im Kühl. Von dort aus führte sie acht Jahre lang ihre Geschäfte.
Zwischenzeitlich erwarb die Bank das Schultzsche Haus an der Oststraße und passte es den wirtschaftlichen und arbeitstechnischen Anforderungen der Zeit an. Ende 1939 bezog sie das Gebäude erneut.
Ausbau des Bankgebäudes 1954
Die fortschreitende Expansion der Bank und die technische Entwicklung machten 1954 einen erneuten Um- und Erweiterungsbau erforderlich. Der Umbau begann Anfang August und konnte am 22. Dezember 1954 abgeschlossen werden.
Der Entwurf stammte vom Ahlener Architekten Hermann Leifeld. Die Bauarbeiten führte das Baugeschäft Franz Beckmann aus. Auch weitere Ahlener Handwerksfirmen waren beteiligt.
Der Neubau beziehungsweise Umbau der Geschäftsräume wurde in der Öffentlichkeit positiv aufgenommen und galt als sichtbares Zeichen der Entwicklung und Leistungsfähigkeit der Ahlener Volksbank.
Entwicklung im 20. Jahrhundert
Die Ahlener Volksbank musste im Laufe ihrer Geschichte mehrere wirtschaftliche Krisen überstehen. Dazu gehörten die Folgen des Ersten Weltkriegs, die Inflation, die Weltwirtschaftskrise, die Zeit des Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit.
Trotz dieser Belastungen konnte sich das Institut behaupten. Die Bank profitierte dabei von ihrer lokalen Verwurzelung, dem Vertrauen ihrer Mitglieder und ihrer Ausrichtung auf das Ahlener Gewerbe, Handwerk und den Mittelstand.
Prägende Persönlichkeiten
Zu den prägenden Personen der Ahlener Volksbank gehörten unter anderem:
| Name | Bedeutung |
|---|---|
| Emil Schultz | Mitgründer, erster Rendant, Buchdruckereibesitzer |
| Josef Koch | Mitgründer und erster Vorstandsvorsitzender |
| Wilhelm Hufnagel | Mitgründer und stellvertretender Vorstand |
| Gustav Reichel | Mitgründer, Vorsitzender der Gründungsversammlung |
| Ernst Schultz | Nachfolger aus der Familie Schultz |
| Theodor Berlinghoff | Leiter der Bank ab 1931, Vorstandsmitglied ab 1933 |
| Theodor Bücker | Mitarbeiter seit 1927, Vorstandsmitglied ab 1946 |
| Bernhard Ross | Vorstandsmitglied ab 1971 |
Nach Emil Schultz und seinem Sohn Ernst Schultz übernahm Theodor Berlinghoff im Jahr 1931 die Leitung der Bank. Am 3. Januar 1933 wurde er in den Vorstand berufen.
Theodor Bücker war seit dem 1. April 1927 Mitarbeiter der Bank und wurde am 22. Januar 1946 Vorstandsmitglied. Gemeinsam mit Theodor Berlinghoff führte er die Bank in den schwierigen Nachkriegsjahren weiter.
Nach dem Tod Theodor Berlinghoffs am 18. Dezember 1970 wurde Bernhard Ross am 12. Januar 1971 in den Vorstand berufen.
Verhältnis zur Spar- und Darlehnskasse Ahlen
Die Ahlener Volksbank und die Spar- und Darlehnskasse Ahlen hatten unterschiedliche historische Wurzeln. Die Spar- und Darlehnskasse war stärker aus dem ländlichen Raiffeisenwesen hervorgegangen, die Volksbank dagegen aus dem gewerblichen Genossenschaftswesen nach Schulze-Delitzsch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verwischten sich diese Unterschiede zunehmend. Beide Institute entwickelten sich zu Universalbanken und boten vergleichbare Dienstleistungen für breite Bevölkerungskreise an. Die alten Trennlinien zwischen Landwirtschaft, Handwerk, Gewerbe und Arbeitnehmern verloren im Bankgeschäft an Bedeutung.
Auch die Marktstellenbereiche beider Institute überschnitten sich Ende der 1970er Jahre zunehmend. Vor dem Hintergrund bundesweiter Fusionsbestrebungen im genossenschaftlichen Bankwesen wurde ein Zusammenschluss auch in Ahlen immer naheliegender.
Fusion 1980
Am 24. Juni 1980 wurde die Verschmelzung der Ahlener Volksbank eG mit der Spar- und Darlehnskasse Ahlen beschlossen. Aus der Fusion entstand die neue Volksbank Ahlen eG.
Nach der Verschmelzung wurden die Filialen der alten Volksbank geschlossen beziehungsweise in das Marktstellennetz der neuen Bank integriert. Die Fachabteilungen der ehemaligen Volksbank wurden in das neue Hauptstellengebäude der früheren Spar- und Darlehnskasse eingebunden.
Das alte Hauptstellengebäude der Volksbank an der Oststraße blieb wegen seiner zentralen Lage weiterhin bedeutsam. Die Außenfassade wurde modernisiert, die Räume im Erdgeschoss wurden den Anforderungen der Zeit angepasst.
Bedeutung
Die Ahlener Volksbank war ein wichtiges Institut der Ahlener Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte. Sie entstand aus dem Bedürfnis von Handwerkern, Kaufleuten und Gewerbetreibenden nach einem eigenen genossenschaftlichen Kreditinstitut.
Ihre Geschichte zeigt die Entwicklung Ahlens vom kleinstädtischen, handwerklich geprägten Gemeinwesen zur Industrie- und Dienstleistungsstadt. Zugleich bildet sie gemeinsam mit dem Ahlener Spar- und Darlehnskassen-Verein die historische Grundlage der späteren Volksbank Ahlen.
Siehe auch
- Volksbank Ahlen
- Ahlener Spar- und Darlehnskassen-Verein
- Unser Weg in die Zukunft
- Emil Schultz
- Oststraße
- Im Kühl
- Wirtschaftsgeschichte Ahlens
- Emailleindustrie
- Ahlener Geschäfts- und Gewerbetreibende um 1910
Quellen
- Volksbank Ahlen eG: Unser Weg in die Zukunft. 100 Jahre Volksbank Ahlen eG (Spar- und Darlehnskasse von 1884), Ahlen 1984.
- Ludger Schulte: 100 Jahre Volksbank Ahlen, in: Volksbank Ahlen eG: Unser Weg in die Zukunft, Ahlen 1984.
- Archiv Volksbank Ahlen.
- Amtsgericht Ahlen: Genossenschaftsregister, Eintrag zur Ahlener Volksbank e.G.m.b.H.